: Lisa Quentin
: Ein völlig anderes Leben Roman
: Goldmann
: 9783641279943
: 1
: CHF 8.90
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 320
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Jetzt habe ich niemanden mehr,ist Jules erster Gedanke, als ihre Mutter stirbt. Doch dann findet sie bei der Wohnungsauflösung Unterlagen, die darauf hindeuten, dass sie adoptiert wurde. Jule, die sich ihrer Mutter nie wirklich nah gefühlt hat, beginnt ihre gesamte Vergangenheit zu hinterfragen: den überstürzten Umzug in den Westen, den Kontaktabbruch des Vaters, das Verschwinden der Schwester sowie das beharrliche Schweigen ihrer Mutter dazu. Hätte sie heute ein völlig anderes Leben, wäre sie bei ihrer richtigen Familie aufgewachsen? Wäre sie glücklich? Jule weiß, sie muss ihre leibliche Mutter finden und zur Rede stellen. Und ahnt dabei nicht, dass sie nicht die Einzige ist, die jahrelang nach Antworten gesucht hat...

Lisa Quentin ist 1985 geboren, hat Germanistik und Psychologie in Freiburg studiert und danach zehn Jahre lang als Werbetexterin und Online-Redakteurin gearbeitet. Nach einer Ausbildung zum NLP-Coach arbeitet sie nun in der Online-Branche und erforscht das Verhalten von Nutzer*innen. Zusammen mit ihrem Mann und drei Kindern lebt sie in Lübeck.Ein völlig anderes Lebenist ihr Debütroman bei Goldmann.

Am Anfang das Ende


Der Anruf kam gegen halb zehn, kurz nachdem Jule in der Agentur angekommen war. Es war noch ruhig im Büro, nur der Rechner ratterte sich schon wach. Sie starrte in ihren Becher, dem Aquarell aus Kaffee und warmer Milch hinterher, als ihr Handy vibrierte. Es war ein neuer Arzt, den sie noch nicht kannte.

Der Zustand ihrer Mutter habe sich über Nacht verschlechtert. Organversagen. Eingeschränkte Hirnfunktionen.

Natürlich, sie würde sich sofort auf den Weg machen. Nein, sie brauche nicht lange.

Sie fuhr den Rechner wieder herunter, ging zu Laurenz und sagte ihm, dass sie gehen müsse. Er nickte, ohne von seinem Bildschirm aufzusehen, und sie lief los, raus aus dem Glasbunker, zur U-Bahn-Station. Der Regen kam von vorne, kam er in Hamburg immer, nie von oben. Es war, als wüsste der Regen in Hamburg überhaupt nicht, dass es auch senkrecht ging.

Drei Minuten warten.

Ausreichend Zeit für ihre Gedanken, um zu gären, aufzuquellen und ihr das Hirn mit Angst zu verkleben. Seit sie denken konnte, waren sie zu zweit gewesen, Anke und Jule, der Torso einer verstümmelten Familie. Vorsichtshalber hatten sie sich fest miteinander verwoben, die Nähte ihrer Identitäten aufgetrennt und zu einem rauen, grobmaschigen Stoff verknüpft, der ihr Leben geworden war.

Es hatte gut gehalten, bis sich der Krebs in Ankes Körper verbissen hatte, ihn immer poröser werden ließ und heute nun das wahr machte, wovor Jule sich seit Jahren fürchtete: Wenn ihre Mutter jetzt starb, hatte sie niemanden mehr.

In einer Welt, die bald acht Milliarden Menschen beheimatete, würde Jule allein sein. Ein isolierter Mensch inmitten einer komplexen Matrix aus Beziehungen und Verwandtschaften. Wie schwerelos würde sie durch die Welt treiben.

Als sich die Türen der Bahn öffneten, stieg Jule gegen den Strom der Büromenschen ein, mit angehaltenem Atem in die abgestandene Berufsverkehrsluft. Sie setzte sich gegenüber einer Frau mit einem kleinen Mädchen auf dem Schoß und sortierte ihre langen Beine unter den Sitz. Mutter und Tochter schauten aus dem Fenster, und das Mädchen rieb eine Haarsträhne der Frau zwischen den Fingern. Jule folgte ihren Blicken zur Hafenkante, zur stolzenRickmer Rickmers, den Partydampfern und Barkassen, zum lächerlichen Schaufelraddampfer. Nirgends war die Hansestadt unehrlicher als hier.

Die Frau küsste ihr Kind auf den Scheitel, das Mädchen lächelte und vergrub sein Gesicht im großen Schal der Mutter.

Schnell schaute Jule auf das grau gesprenkelte Linoleum zu ihren Füßen. Womöglich würde sonst etwas aus ihr herausbrechen, das sie oben im Büro fest nach unten gedrückt hatte, das auf keinen Fall hier und besser auch nicht heute herauskommen durfte. Sie biss sich mit den Backenzähnen auf die Innenseite der Wange. Schloss die Augen, als der Schmerz stärker wurde und alles in ihr schrie, sie solle aufhören. Doch sie hörte nicht auf, presste die Lippen fest aufeinander, damit kein Ton nach außen drang, biss weiter, so lange, bis sie nichts anderes mehr spüren konnte als den grellen, kreischenden Schmerz und sie einen Moment Ruhe fand. Dann der vertraute Geschmack vo