: Yangsze Choo
: Schattenbraut Roman
: Goldmann Verlag
: 9783641261818
: 1
: CHF 2.70
:
: Historische Romane und Erzählungen
: German
: 544
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
»Eines Abends fragte mich mein Vater, ob ich die Braut eines Geistes werden wolle ...«

Malaya 1893. Die 17-jährige Li Lan aus gutem, aber verarmten Hause erhält einen ungewöhnlichen Antrag: Sie soll den kürzlich verstorbenen Sohn der wohlhabenden Familie Lim heiraten. Aber Li Lan zögert. Kann sie sich wirklich einem Geist versprechen? Um sich auf die Probe zu stellen, taucht sie Nacht für Nacht ein in eine Welt, in der die Grenzen zwischen Realität und Traum verschwimmen. Das Schattenreich ist ein Ort des Schreckens, aber auch der Versuchung und der Freude. Dort deckt Li Lan nicht nur die Wahrheit über ihre eigene Familie und die ihres Verlobten auf – sie erkennt auch die Macht wahrer Liebe …

Yangsze Choo ist Malaysierin chinesischer Abstammung. Sie studierte in Harvard und arbeitete als Management Consultant und bei einem Start-up-Unternehmen, bevor sie ihren ersten Roman schrieb. Heute lebt Yangsze Choo mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Kalifornien.

KAPITEL 1


Eines Abends fragte mich mein Vater, ob ich die Braut eines Geistes werden wolle. »Fragte« ist vielleicht nicht das richtige Wort. Wir waren in seinem Arbeitszimmer. Ich blätterte eine Zeitung durch, während er auf seiner Rattanliege lag. Es war sehr heiß und still. Die Öllampe brannte, und Motten flatterten in trägen Wirbeln durch die schwüle Luft.

»Was hast du gerade gesagt?«

Mein Vater rauchte Opium. Es war seine erste Pfeife an jenem Abend, er konnte also noch halbwegs klar denken. Mein Vater ist so eine Art Gelehrter, mit traurigen Augen in einem Gesicht wie ein zerfurchter Aprikosenkern. Früher einmal ist unsere Familie reich gewesen, doch mit der Zeit hatten wir so viel Geld verloren, dass wir uns damals nur noch mühsam an die Ehrbarkeit der Mittelschicht klammerten.

»Dass du Geisterbraut werden könntest, Li Lan.«

Ich hielt den Atem an und blätterte weiter. Es war schwer zu sagen, ob mein Vater nur scherzte. Manchmal schien er es selbst nicht zu wissen. Ernste Angelegenheiten wie unsere schrumpfenden Einkünfte spielte er für gewöhnlich herunter. So sagte er zum Beispiel, es sei doch ganz angenehm, in dieser Hitze ein zerschlissenes Hemd zu tragen. Doch wenn das Opium ihn in seinen Nebelschleier hüllte, verstummte er und versank in Gedanken.

»Der Vorschlag wurde heute an mich herangetragen«, fügte er rasch hinzu. »Ich dachte, du wüsstest vielleicht gern Bescheid.«

»Von wem kam der Vorschlag?«

»Von der Familie Lim.«

Die Familie Lim war eine der reichsten in unserer Stadt. Malakka hatte einen Hafen und zählte zu den ältesten Handelsmetropolen des Ostens. Im Laufe der Jahrhunderte war die Stadt erst von den Portugiesen, dann von den Niederländern und zuletzt von den Briten erobert worden. Kleine Häuser mit roten Ziegeldächern zogen sich dicht gedrängt in einer langen Kette die Bucht entlang, von Kokospalmenhainen flankiert und zum Inland hin durch den dichten Dschungel begrenzt, der Malaya wie ein wogendes grünes Meer bedeckte. Malakka war eine sehr stille Hafenstadt, die unter der Tropensonne von ihrer glanzvollen Vergangenheit als Perle der Meeresstraße träumte. Denn die aufkommende Dampfschifffahrt hatte ihren Niedergang besiegelt.

Im Vergleich zu den Dörfern des Dschungels galt Malakka jedoch nach wie vor als Inbegriff der Zivilisation. Die portugiesische Wehranlage hatten die Briten zwar zerstört, aber das Postamt, zwei Märkte und das Krankenhaus hatten sie uns gelassen, selbst unser Rathaus, das Stadthuys. Malakka war sogar Regionalsitz der britischen Kolonialverwaltung. Gemessen an dem, was ich über die großen Metropolen Shanghai, Kalkutta und London gelesen hatte, kam mir unsere Stadt dennoch reichlich unbedeutend vor. Im Bezirksamt hatte man der Schwester unseres Kochs erzählt, dass London de