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Die Wolken hingen wie dunkelgraue Zuckerwatte über den Gipfeln der Alpen. Dort, wo der Wind kleine Lücken in die dicke Schicht gerissen hatte, blitzte das verwaschene Blau des Himmels durch. Die frische Brise wirbelte Wellen über die bleifarbene Oberfläche des Starnberger Sees. Nicht unbedingt das Wetter, das man im Hochsommer erwartete, aber Lina Kirchleitner machte das nichts aus. Die vergangenen Tage waren drückend heiß gewesen, und das Sommergewitter, das sich an diesem Morgen über Starnberg entladen hatte, war genau das, was die Stadt gebraucht hatte, um aufatmen zu können. Jetzt war die Luft wieder klar wie Glas. Und die Sonne würde sicher auch bald wieder über die Bergkämme der Alpen schauen.
Gut gelaunt schob Lina den Zwillingskinderwagen, in dem die sechs Wochen alten Mädchen Evi und Franzi friedlich schliefen, über den Gehweg. An der nächsten Kreuzung würde sie mit den Geschwistern der beiden, Paul und Gustav – vier Jahre alt und ebenfalls Zwillinge –, die Straße überqueren und zur Uferpromenade des Sees hinunterlaufen. Die Jungen hielten sich an den Händen, hüpften in einem mehr oder weniger gleichen Rhythmus vor dem Kinderwagen her und sangen laut und glücklich ein Lied, das sie sich offensichtlich erst während des Singens ausdachten. Sie waren anbetungswürdig, genau wie ihre kleinen Schwestern. Mitunter brachten sie allerdings auch die Energie einer kleinen Bisonherde auf. Es war also egal, wie das Wetter war: Sogar ein verregneter Morgen war draußen besser, als diese kleinen Rabauken in geschlossenen Räumen beaufsichtigen zu müssen.
Lina seufzte. Da war er wieder, dieser Gedanke an eigene Kinder, den sie während ihrer Arbeit normalerweise nicht zuließ. Sie schob ihn in die Schublade in ihrem Kopf zurück, wo er hingehörte. Es war das eine, sich bei ihren Freundinnen auszuheulen, dass es mit ihrer Familienplanung einfach nicht so klappte, wie sie sich das vorgestellt hatte – an ihrem Arbeitsplatz hatten solche Gedanken allerdings nichts verloren. Sie betrieb ihren Nanny-Service schließlich nicht, um sich mit Kindern zu umgeben, weil sie selbst noch keine bekommen hatte. Nein, sie wollte für die Kleinen da sein, ihnen die Aufmerksamkeit und Zuneigung schenken, die sie von ihren manchmal viel zu sehr mit ihrer Karriere oder sich selbst beschäftigten Eltern nicht bekamen. Sie wollte Familien helfen, die in stressigen Situationen ein wenig Unterstützung gebrauchen konnten. So wie Nora, die Mutter dieser beiden Zwillingspärchen, die gar nicht mehr wusste, wie sich mehr als zwei Stunden Schlaf am Stück anfühlten, mit ihren kleinen Mädchen und den aufgeweckten Jungs, die vor ihr her zur Fußgängerampel rannten und gerade lautstark darüber stritten, wer auf den Signalknopf drücken durfte. »Langsam, ihr zwei«, rief sie Paul und Gustav hinterher. »Einer kann jetzt drücken, einer auf dem Rückweg.«
Lina würde einen Spaziergang am See entlang machen und dann dafür sorgen, dass Paul und Gustav sich auf dem Spielplatz ordentlich austobten, während ihre Mutter ein ausgedehntes Mittagsschläfchen hielt und sich dann eine ausgiebige Dusche gönnen würde, bei der sie von niemandem unterbrochen wurde. Dieser Auftrag hatte sich spontan ergeben, weshalb Lina gar nicht erst eine ihrer