Zweites Kapitel.
In welchem Oliver Sikes überliefert wird.
Als Oliver am folgenden Morgen erwachte, war er nicht wenig verwundert, ein Paar neue Schuhe mit starken dicken Sohlen an der Stelle seiner alten, sehr beschädigten zu erblicken. Anfangs freute er sich der Entdeckung, weil er sie als eine Vorläuferin seiner Befreiung ansah; allein er gab bald alle Gedanken dieser Art auf, als er sich allein mit dem Juden zum Frühstück setzte, der ihm, und zwar auf eine Weise, die ihn mit Unruhe erfüllte, sagte, daß er am Abend zu Bill Sikes gebracht werden solle.
»Soll – soll ich denn dort bleiben?« fragte Oliver angstvoll.
»Nein, nein, Kind, du sollst nicht dort bleiben,« antwortete der Jude. »Wir würden dich gar nicht gern missen. Sei ohne Furcht, Oliver; du sollst wieder zurückkehren zu uns. Ha, ha, ha! Wir werden nicht sein so grausam, dich fortzuschicken, mein Kind. Nein, beileibe nicht!« Der alte Mann, der sich über das Feuer gebückt hatte und eine Brotschnitte röstete, sah sich bei diesen spöttischen Worten um und kicherte, wie um zu zeigen, er wisse es, daß Oliver gern entfliehen würde, wenn er könnte.
»Ich glaube, Oliver,« fuhr er, die Blicke auf ihn heftend, fort, »du möchtest wissen, weshalb du sollst zu Bill – nicht wahr, mein Kind?«
Oliver verfärbte sich unwillkürlich, denn er gewahrte, daß der Jude in seinem Innern gelesen, erwiderte indes dreist, daß er es allerdings zu wissen wünsche.
»Nun, was meinst du wohl, weshalb?« fragte Fagin, der Antwort ausweichend.
»Ich kann es nicht erraten, Sir,« erwiderte Oliver.
»Pah? So warte, bis Bill dir’s sagt,« versetzte Fagin, sich mißvergnügt abwendend, denn er hatte in Olivers Mienen wider Verhoffen nichts entdeckt, nicht einmal Neugierde.
Die Wahrheit ist indessen, daß der Knabe allerdings sehr lebhaft zu wissen wünschte, zu welchem Zwecke er Sikes überliefert werden sollte, aber durch Fagins forschende Blicke und sein eigenes Nachsinnen zu sehr außer Fassung geraten war, um für den Augenblick noch weitere Fragen zu tun. Später fand sich keine Gelegenheit dazu, denn der Jude blieb bis gegen Abend, da er sich zum Ausgehen anschickte, sehr mürrisch und schweigsam.
»Du kannst brennen ein Licht,« sagte er und stellte eine Kerze auf den Tisch; »und da ist ein Buch, worin du kannst lesen, bis sie kommen dich abzuholen. Gute Nacht!«
»Gute Nacht, Sir,« erwiderte Oliver schüchtern.
Der Jude ging nach der Tür und sah über die Schulter nach dem Knaben zurück; dann stand er plötzlich still und rief ihn beim Namen.
Oliver blickte auf, der Jude wies nach dem Lichte hin und bedeutete ihn, es anzuzünden. Oliver tat, wie ihm geheißen wurde und sah, daß Fagin mit gerunzelter Stirn aus dem dunkleren Teile des Gemachs forschend die Augen auf ihn heftete.
»Hüte dich, Oliver, hüte dich!« sagte der Alte, warnend die rechte Hand emporhebend. »Er ist ein brutaler Mann und achtet kein Blut, wenn seins ist heiß. Was sich auch zuträgt, sprich kein Wort und tu’, was er dir sagt. Nimm dich in acht! – wohl in acht!« – Er hatte die letzten Worte mit scharfer Betonung gesprochen, sein finsterer, drohender Blick verwandelte sich in ein greuliches Lächeln, er nickte und ging.
Oliver legte den Kopf auf die Hand, als er allein war, und sann mit pochendem Herzen den eben vernommenen Worten nach. Je länger er über die Warnung des Juden nachdachte, in eine desto größere Ungewißheit geriet er über ihren eigentlichen Sinn und Zweck. Er konnte sich nichts Böses oder Unrechtes bei seiner Sendung zu Sikes denken, das nicht ebensogut geschehen oder erreicht werden konnte, wenn er bei Fagin blieb. Nach langem Nachsinnen kam er zu dem Schlusse, daß er ausersehen sein möchte, Sikes als Aufwärter zu dienen, bis man einen besser dazu geeigneten Knaben gefunden hätte. Er war zu sehr an Leiden und Dulden gewöhnt und hatte zu viel gelitten in dem Hause, in welchem er sich befand, als daß ihn die Aussicht auf eine Veränderung des Schauplatzes seiner Widerwärtigkeiten sehr hätte betrüben können. Er blieb noch eine Weile in Gedanken verloren, putzte seufzend das Licht und fing an in dem Buche zu lesen, das ihm der Jude zurückgelassen.
Er hatte anfangs nur geblättert, allein eine Stelle erregte seine Aufmerksamkeit im höchsten Grade, und bald las er um so eifriger. Das Buch enthielt Erzählungen von berüchtigten Verbrechern aller Art und trug auf jeder Seite die Spuren eines sehr häufigen Gebrauchs. Er las hier von furchtbaren Verbrechen, di