: Charles Dickens
: Oliver Twist. Band Drei Roman in drei Bänden
: apebook Verlag
: 9783961304288
: 1
: CHF 2.70
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: Erzählende Literatur
: German
Oliver Twist wird in einem Armenhaus geboren. Die Mutter stirbt kurz nach der Geburt und hinterlässt nur ein kleines, geheimnisvolles Medaillon, das ihr ein alter Armenhausarbeiter abnimmt. Der Junge wächst als Waisenkind auf, ohne zu wissen, woher er stammt. Mit neun Jahren muss er ins Armenhaus gehen, weil er zu alt für das Waisenhaus ist. Dort sieht er sich Gewalt und willkürlicher Strafe ausgesetzt. Oliver wird für fünf Pfund an den Bestatter Sowerberry verkauft, um bei ihm in die Lehre zu gehen. Auch hier meint es das Schicksal schlecht mit ihm, und er flieht nach London. Dort angekommen, gerät er in die Fänge von Fagin, einem alten jüdischen Hehler, der Waisenkinder zu Verbrechern ausbildet: Zusammen mit dem Baldowerer und seinem Kumpel soll Oliver das Handwerk des Taschendiebstahls erlernen, wird aber von der Polizei erwischt. Der Geschädigte, ein freundlicher Mann namens Brownlow, setzt sich für Oliver ein und kümmert sich um ihn. Zum ersten Mal wird der Junge gut behandelt, aber sein Glück währt nicht lange. Er wird erneut von Fagin erwischt und muss mit einem der größten Verbrecher Londons einen Einbruch begehen. Und schließlich kommt auch noch ein unheimlicher Mensch namens Monks ins Spiel... Mit 'Oliver Twist' prangerte Dickens die sozialen Missstände der damaligen Zeit an. Der Roman schildert auf unromantische Weise das schmutzige Leben von Verbrechern und stellt die grausame Behandlung der vielen Waisenkinder im London der Mitte des 19. Jahrhunderts dar. Der Waisenjunge Oliver wird körperlich und seelisch misshandelt und erfährt nur von wenigen Menschen Freundlichkeit und Mitleid. Die Armen und Kranken erscheinen als Aussätzige in einer Welt der Stärkeren und sozial Überlegenen. Ungerechtigkeit, Hunger und Tod sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Charles Dickens schmückt seine Geschichte mit ironischen, oft zynischen Beschreibungen aus. In diesem frühen Beispiel des Gesellschaftsromans persifliert Dickens Kinderarbeit, häusliche Gewalt, die Rekrutierung von Kindern als Kriminelle und die Präsenz von Straßenkindern. Die Beschreibungen der Grausamkeiten gegenüber den Armen und Schwachen sind aus heutiger Sicht oft so absurd, dass man sie kaum glauben kann. Nach dem Erscheinen des Romans wurde zum ersten Mal das Armengesetz diskutiert und erfolgreich geändert. Dies ist der dritte von drei Bänden.

Erstes Kapitel.

In welchem der Leser, wenn er in das letzte Kapitel des vorherigen Bandes zurückblicken will, einen im ehelichen Leben nicht selten hervortretenden Kontrast beobachten wird.


Mr. Bumble saß in seinem Wohnzimmer im Armenhause und blickte nachdenklich und düster bald in den Kamin, in welchem kein Feuer brannte, da es Sommer war, und der daher öde und trostlos genug aussah und bald noch düsterer zu dem Leimzweige empor, der von der Decke herabhing und von den ihr Verderben nicht ahnenden Fliegen umschwärmt wurde. Vielleicht erinnerten ihn die Tierchen an eine traurige Begebenheit seines eigenen Lebens.

Auch fehlte es nicht an sonstigen Anzeichen, daß in seinen Angelegenheiten eine bedeutende Veränderung vorgegangen sein mußte. Wo waren der Tressenrock und der dreieckige Hut? Er trug noch Kniehosen und schwarze wollene Strümpfe – doch es waren nicht die des Kirchspieldieners. Der Rock war ein anderer. Der Hut ein gewöhnlicher, bescheidener, runder. Mr. Bumble war nicht mehr Kirchspieldiener.

Es gibt Beförderungen im Leben, die, abgesehen von den mit ihnen verknüpften materiellen Vorteilen, doch noch einen ganz besonderen Wert und eine eigentümliche Würde durch das mit ihnen verknüpfte Kostüm erhalten. Ein Feldmarschall hat seine Uniform, ein Bischof seinen Ornat, ein Richter seine große Perücke, ein Kirchspieldiener seinen dreieckigen Hut. Man nehme dem Richter seine Perücke, dem Bischof seinen Ornat oder dem Kirchspieldiener seinen dreieckigen Hut, und was sind sie? Weiter nichts mehr als Menschen – bloße Menschen. Würde, und bisweilen sogar Heiligkeit, hängen mehr von Uniformen, Ornaten, Perücken und Hüten ab, als viele Leute sich träumen lassen.

Mr. Bumble hatte Mrs. Corney geehelicht und war Armenhausverwalter. Ein anderer Kirchspieldiener war zur Gewalt gelangt, und der dreieckige Hut, der Tressenrock und der Stab waren auf ihn übergegangen.

»Morgen sind’s zwei Monate!« sagte Mr. Bumble seufzend. »Es scheint ein Jahrhundert zu sein.«

Mr. Bumble wollte vielleicht sagen, daß er in dem kurzen Zeitraum von acht Wochen ein ganzes glückliches Leben verlebt hätte – allein der Seufzer! Es lag gar viel in ihm.

»Ich verkaufte mich,« fuhr Bumble fort, »für sechs Teelöffel, eine Zuckerzange, einen Milchgießer, eine Stube voll alter Möbel und zwanzig Pfund Geld – nur gar zu billig, spottwohlfeil!«

»Wohlfeil!« tönte ihm eine schrille Stimme ins Ohr. »Du wärest für jeden Preis zu teuer gewesen, und der Himmel weiß, daß ich dich mehr als zu teuer bezahlt habe.«

Bumble drehte sich um und blickte in das Antlitz seiner liebenswürdigen Ehehälfte, welche sein kurzes Selbstgespräch nur unvollkommen verstanden und ihre erwähnte Bemerkung auf gut Glück hingeworfen hatte.

»Frau, sei so gut, mich anzusehen,« sagte Bumble und dachte bei sich selbst: »Wenn sie solch einen Blick aushält, so hält sie alles aus. Er hat bei den Armen niemals seinen Zweck verfehlt, und verfehlt er ihn bei ihr, so ist es mit meiner Macht und Gewalt vorbei.«

Er verfehlte seinen Zweck. Mrs. Corney wurde keineswegs durch ihn überwältigt, sondern erwiderte ihn durch einen äußerst verächtlichen und verband damit obendrein ein Gelächter, das zum wenigsten klang, als wenn es ihr von Herzen käme.

Als Bumble die unerwarteten Töne vernahm, sah er zuerst ungläubig und dann erstaunt aus, worauf er wieder in sein Brüten und Sinnen verfiel, aus welchem ihn jedoch Mrs. Bumble erweckte. »Willst du den ganzen Tag dasitzen und schnarchen?« fragte sie.

»Ich denke hier so lange sitzen zu bleiben, wie es mir beliebt,« entgegnete er; »und obschon ich keineswegs schnarchte, so bin ich doch gewillt, von meinem Rechte Gebrauch zu machen und ganz nach meinem Gefallen zu schnarchen, zu niesen, zu lachen oder zu weinen, oder was mir eben sonst behagt.«

»Von deinem Rechte!« höhnte Mrs. Bumble mit unsäglich verächtlicher Miene.

»Ja, von meinem Rechte! Es ist das Recht des Mannes, nach seinem Willen zu leben und zu befehlen.«

»Und was ist denn ins Kuckucks Namen das Recht der Frau?«

»Nach des Mannes Willen zu leben und zu gehorchen. Dein unglücklicher erster Mann hätte es dich lehren sollen; er wäre dann vielleicht noch am Leben – und ich wollte, daß er es wäre, der gute Mann!«

Mrs. Bumble erkannte, daß der entscheidende Augenblick gekommen war und daß es galt, sich der Herrschaft ein für allemal zu bemächtigen oder ihr für immer zu ent