2. Besonderheiten von Gruppen
Je größer und unterschiedlicher eine Gruppe zusammengesetzt ist, desto anspruchsvoller ist es für das Mediationsteam, effizient zu moderieren und die Bereitschaft der Beteiligten zur Mitarbeit aufrechtzuerhalten. Was bei einer kleinen Bürogemeinschaft, die sich gut kennt und ein spezielles Thema bearbeiten möchte, noch leicht erscheint, wird im Rahmen eines Treffens internationaler Außendienstmitarbeiter, die in unterschiedlichen Sprachen kommunizieren, kulturbedingt anders mit Konflikten umgehen und völlig unterschiedliche Ziele verfolgen, höchst komplex.
Einerseits möchten Mediationsteams jede Konfliktpartei hören und verstehen, insbesondere, wenn der Konflikt in der zweiten und dritten Phase der Mediation hochkocht. Andererseits ergeben sich aus einer Wortmeldung häufig vier oder fünf Diskussionsbeiträge, die bei anderen Teilnehmern weitere Impulse auslösen. Deshalb legen wir in diesem Buch großen Wert auf Visualisierung und Methoden, die Stimmungen zeitökonomisch und für alle nachvollziehbar eingefangen.
Struktur und Effizienz
Gruppen und Teams brauchen Struktur, um Sicherheit und Orientierung in der Konfliktklärung zu erleben. Diskussionen mit vielen Beteiligten erfordern eine hohe Konzentrationsleistung. Lässt die Konzentration nach oder ist viel Pfeffer in der Debatte, nehmen automatisch die Seitengespräche zu. Der Schallpegel erhöht sich durch Papiergeraschel, Hüsteln und Getränkegeklapper. Was um 9.15 Uhr noch kein Problem darstellt, wird um 16.15 Uhr leicht zum Auslöser von Kopfschmerzen. Das Mediationsteam achtet deshalb darauf, durch regelmäßige Methodenwechsel Körper und Geist arbeitsfähig zu halten. Eine ruhige Einzelarbeit kann einer Plenumsdiskussion vorangestellt werden, eine Kleingruppenarbeit an der frischen Luft kann einer Kartenabfrage im Konferenzraum folgen.
Der Auftraggeber ist dem Mediationsteam für ein ressourcensparendes Vorgehen dankbar. Mediationen von Gruppen und Teams unterbrechen häufig den Arbeitsfluss ganzer Abteilungen oder Kleinbetriebe. Die Mitarbeiter werden an ihren Arbeitsplätzen zurückerwartet, die Mediation kann nicht unbeschränkt verlängert werden. Die Kostenkalkulation gebietet dem Mediationsteam Grenzen bei der Auftragsabwicklung. Unserer Erfahrung nach erhöhen sich die Konzentration und die innere Bereitschaft zur Teilnahme drastisch, wenn die Mediation nicht am Arbeitsplatz, sondern in einem Hotel oder Tagungshaus stattfindet. Bitten Sie die Teilnehmer, in Pausenzeiten auf das Kommunizieren mit Handys und per E-Mail weitgehend zu verzichten, um nicht durch dringende Nachrichten innerlich aus der Bearbeitung des Mediationsanliegens gerissen zu werden.
Eskalation, Themenvielfalt und Führung
Die Streitparteien sind insbesondere dann für Führung dankbar, wenn das Gespräch durch gegenseitige Schuldzuweisungen, Anklagen oder kaltes Schweigen eskaliert. Von einer einzigen Aussage können mehrere Personen stark betroffen sein. Es kann aber immer nur eine Person antworten, während sich viele andere Beteiligte zurückhalten müssen. Werden diese gesehen und bietet das Mediationsteam ein nachvollziehbares Vorgehen an, um die Meinung aller einzuholen (zum Beispiel eine Rednerliste oder eine Teilung der Gruppe), bleiben alle Personen innerlich dabei, selbst wenn dies Wartezeit und Geduld erfordert. Ein Teilnehmer, der mehrfach nicht zu Wort kommt und dabei nicht wahrgenommen wird, schaltet hingegen ab.