: James Weldon Johnson
: Color - Ein amerikanisches Leben
: Books on Demand
: 9783754376676
: 1
: CHF 4.80
:
: Historische Romane und Erzählungen
: German
: 224
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Ist man auch dann ein Schwarzer, wenn es niemand sehen kann? In einem tief gespaltenen Land macht sich ein hellhäutiger Afroamerikaner auf die Suche nach seiner Identität. Die fiktive Autobiografie"Color - Ein amerikanisches Leben" wurde 1912 zunächst anonym veröffentlicht. Darin beschreibt der namenlose Ich-Erzähler die Stationen seines bewegten Lebens. Die Suche nach Zugehörigkeit und Heimat treibt ihn einmal quer durch die USA, nach Europa und wieder zurück, von der Zigarrenfabrik über die Spielhölle in den Ragtime-Club, von der Pariser Oper über Berliner Konzerthäuser bis zu einem Treffen evangelikaler Christen in den Südstaaten. Zwei Morde erweisen sich als schicksalsentscheidend ... Das Buch liest sich wie eine Mischung aus Coming-of-Age-Roman und Road Novel. Schnörkellos, ehrlich und zugleich unterhaltsam vermittelt es einen Einblick in das diverse Leben der schwarzen Bevölkerung und einen Eindruck der amerikanischen Gesellschaft um 1900.

Autor James Weldon Johnson (1871-1938) war ein Mann mit vielen Talenten und einem außergewöhnlichen Werdegang. Er war Schriftsteller, Komponist, Hochschullehrer, Rechtsanwalt, Diplomat und Bürgerrechtler. Als führendes Mitglied der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) setzte er sich u. a. für ein Anti-Lynch-Gesetz ein. Gemeinsam mit seinem Bruder John Rosamond Johnson schrieb er das Lied"Lift Every Voice and Sing", das zur Hymne des schwarzen Amerikas wurde. Später komponierten die beiden noch etliche Ragtime-Hits. Johnson war eine Schlüsselfigur der Kulturbewegung Harlem Renaissance und verfasste Gedichte, Essays und eine Autobiografie."Color - Ein amerikanisches Leben" blieb sein einziger Roman.

KAPITEL 2


Seit ich älter bin, denke ich oft an diese Zeit zurück und versuche, den Wandel zu analysieren, den mein Leben nach diesem schicksalhaften Tag in der Schule durchmachte. Der tiefgreifenden Veränderung war ich mir trotz meiner Jugend bewusst, auch wenn ich sie nicht ganz verstand. Wie das erste Mal, als ich eine Tracht Prügel bezog, ist dies eines der wenigen Ereignisse in meinem Leben, an die ich mich deutlich erinnere. Jeder Mensch macht im Laufe seines Lebens einige unglückliche Erfahrungen, die sich nicht einfach in seinem Gedächtnis verankern, sondern sich dort einbrennen. Noch Jahre später kann man sie detailliert abrufen und die von ihnen erzeugten Gefühle aufs Neue durchleben. Dies sind die Tragödien des Lebens. In späteren Jahren mögen wir manche davon als triviale Vorkommnisse unserer Kindheit abtun – ein zerbrochenes Spielzeug, ein nicht eingelöstes Versprechen, harte, verletzende Worte –, jedoch gehören sie ebenso wie die bitteren Erfahrungen und Enttäuschungen reiferer Jahre zu den Tragödien des Lebens.

Und so habe ich viele Male jene Stunde, jenen Tag, jene Woche neu durchlebt, als ich auf wundersame Weise von einer Welt in die andere hinüberwechselte. Denn ich fand mich tatsächlich in einer anderen Welt wieder. Von da an sah ich alles mit anderen Augen, meine Gedanken waren gefärbt, meine Worte bestimmt, meine Handlungen beschränkt durch eine alles dominierende, alles durchdringende Vorstellung, die immer gewaltiger und gewichtiger wurde, bis ich darin schließlich eine große, klare Tatsache erkannte.

Diesem alles hemmenden, verzerrenden und verfälschenden Einfluss unterliegt jeder Schwarze in den Vereinigten Staaten. Er ist gezwungen, alles nicht etwa aus der Perspektive eines Bürgers, eines Mannes oder einfach eines Menschen zu betrachten, sondern aus dem Blickwinkel einesSchwarzen. Es is