Gefahr am Horizont
Im ersten Septemberlicht wirkte Karrs Haus imposant. Und es war tatsächlich grandios. Von seinem Dach aus hatte man freie Sicht aufs Meer. Karr ging mit mir hinauf, damit ich mir einen Überblick verschaffen konnte. Der Eindruck war der eines spitz zulaufenden Dreiecks. Man konnte sich vorstellen, Karr lebe auf einer Insel: ein vorragendes Stück Land zwischen zwei schmalen Flüssen, deren einer sich verbreiterte, bevor er ins Meer mündete, der andere ein Kanal, auf dem ein paar Schwäne umherglitten. Teils Wiesen-, teils Marschland, mit Dickichten aus hohem Schilf und kleinen Sandflächen hier und da. Ein natürliches Vogelschutzgebiet, man nahm Flugbewegungen als Teil der Landschaft wahr.
Karrs Haus stand erhöht, von einer Mauer umgeben, zum Schutz vor Überschwemmungen. Riesige Hortensien, eher kleine Bäume als Sträucher, wurzelten, strategisch angepflanzt, zwischen den ovalen Platten der Terrasse; Blüten in verschiedenen Rosatönen glitzerten in der Herbstsonne, eine unverschämt üppige Pracht, nach Süden gewandt. Als wir hinuntergingen, um sie näher zu betrachten, konnte ich erkennen, dass Karr jeden Tag nach ihnen sah. Sie strahlten Ritual und Pflege aus.
»Mir gefällt der Kontrast«, sagte ich. Karr verstand, was ich meinte. Er hatte in der offenen Haustür gestanden, als ich die Zufahrt hochkam, durch einen kleinen Hain, eine Oase im Mündungsgebiet.
»Dieser Hain wurde vor langer Zeit angepflanzt«, sagte er. »War es schwierig, hierherzufinden?«
»Am Anfang schon, aber als ich bei der alten Seemannskapelle angelangt war, wusste ich, dass es nicht mehr weit ist.«
»Bist du hineingegangen?«
Ich erzählte ihm, was ich in der Kapelle getan hatte: Ich hatte die Bibel aufs Geratewohl aufgeschlagen und mit geschlossenen Augen den Finger irgendwo auf die Seite gesetzt. Das Weissagungsspiel, das wir als Kinder gespielt hatten.
»Und wo bist du gelandet?«, fragte Karr.
»In der Offenbarung des Johannes natürlich!« Ich lachte befangen. »Siehe, ich komme wie ein Dieb.«
»Dir ist die Jagdhütte hinter der Kapelle entgangen«, sagte Karr. »Da schauen wir später vorbei.«
Die Bediensteten waren unaufdringlich, ich bemerkte ihr Kommen und Gehen kaum. Der Junge, Jake, führte mir seinen Welpen vor, einen schwarzen Labrador, der ihm bis ans Kinn reichte. »Er heißt Omar, nach dem Dichter, weißt du?« Wir setzten uns unten auf die schmucklose Treppe und erzählten uns Geschichten, bis Jake sagte, er müsse jetzt Omar ausführen.
Ich gesellte mich zu Karr in die Bibliothek. Die Fenster gingen auf die Terrasse hinaus. »Du kannst hierherkommen, so oft du willst«, sagte Karr. Er stand am offenen Fenster und blickte in den Himmel. »Wollen wir zu Claire gehen?«, fragte er.
Das Erdgeschoss der Jagdhütte war in ein Atelier umgewandelt worden. Ich betrachtete das Bild, das Claire gerade fertiggestellt hatte. Es war gelb, ganz und gar gelb, jede erdenkliche Schattierung und Nuance von Gelb. Ich ertrug es kaum. Ich ging hinaus und wälzte mich im Gras.
»Es ist schön, oder?«, sagte Karr.
»Unerträglich schön.« Ich ging wieder hinein und betrachtete es von Neuem.
»Wenn du willst, schenke ich es dir«, sagte Claire.
»Noch nicht.« Ich war nervös. »Noch nicht.«
»Soll ich dich zurückbegleiten?«, fragte Karr.
»Ich glaube, das wird schon gehen. Ich nehme die Brücke über den Kanal.«
An der Brücke erwarteten mich Jake und Omar. Sie winkten mir nach, als ich Richtung Küstenstraße abbog. Die Sonne raute den Horizont über dem Meer mit gebranntem Siena auf, als ich mein Cottage erreichte. Ich öffnete die Fenster un