: Laura Schiereck, Philip Beierbach, Jessica Arndt, Oliver Alraun
: Wandel
: Divoisia Verlag Ug (Haftungsbeschränkt)
: 9783982369815
: 1
: CHF 2.50
:
: Fantasy
: German
: 123
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Begleitet den Geschichtenerzähler auf seiner Reise durch Divoisia und lauscht den Geschichten dieser Welt. Kann der Kobold Kruk herausfinden, was es mit dem gefährlichen Diebstahl auf sich hat? Welche Bestie verbirgt sich hinter den blutigen Spuren auf Taruks Hof? Und wird Trom seine Familie beschützen und den blutigen Krieg von ihnen fernhalten können? In sieben Kurzgeschichten erlebt ihr die Abenteuer etlicher Personen unserer Welt und erfahrt, welche Wendungen das Schicksal für sie bereithält. Das Buch wird von einer kostenlosen App begleitet, mit der QR-Codes eingescannt werden können. Mit diesen könnt ihr zusätzliche Inhalte zu den Geschichten freischalten, die für das Verständnis nicht notwendig sind, aber euch weitere Einblicke in die Welt Divoisia gewähren.

Laura Schiereck, 1994 geboren, ist seit den Anfängen Teil des Teams rund um Divoisia. Sie hat Texte und Geschichten für das Weltenbuch und Weltenbruch geschrieben. Was im Jugendalter mit Pferdemärchen über Mädchen anfing, die böse Verbrecher jagten, wurde mittlerweile zu einer starken Faszination für Fantasygeschichten.

Die Prüfung


Geschrieben von Jessica Arndt

»Ich mache mir doch nur Sorgen um dich!«

Aralona seufzte, als ihre Mutter erneut mit diesem Thema anfing. »Ich weiß. Trotzdem gibt es keinen Grund dafür.«

»Du bist nun in einem Alter, in dem andere Fohlen schon längst wissen, welchem Meister sie folgen wollen«, beharrte Kallista.

»Na und? Ich bin mir noch nicht sicher, was ist so falsch daran?« Das Fohlen stapfte unruhig im Zelt auf und ab.

»Du wurdest nach einem der größten Jäger benannt, den dieses Dorf und vermutlich unser ganzes Volk jemals gesehen hat. Du wurdest am Ort seines Todes geboren, dir wohnt seine Seele inne. Du bist es dieser Seele schuldig, den richtigen Meister zu wählen.« Ihre Mutter rammte den Vorderhuf geräuschvoll in die Erde und starrte sie durchdringend an.

»Ich stehe in niemandes Schuld. Wie viele Frauen haben in derselben Nacht neben dir gelegen, ein Fohlen geboren und ihnen denselben Namen gegeben? Ich lasse mir nichts vorschreiben, nur weil in mir vielleicht eine legendäre Seele schlummert.« Mit den letzten Worten drehte sich Aralona um und trabte aus dem Zelt.

»Aralona, nicht«, versuchte ihre Mutter sie zu beschwichtigen, doch es war zu spät.

Eine sanfte Brise strich ihr durch die langen dunklen Haare, als sie aus dem Zelt trat. Die Sonne neigte sich dem Horizont hinter der Steppe entgegen. Bald würde es Abend werden, nachdem der Himmel wie ein Feuer geleuchtet hatte.

Sie atmete einmal tief durch. Insgeheim wusste sie, dass es ihre Mutter nur gut mit ihr meinte. Trotzdem hatte sie nicht das Recht dazu, Aralona zu irgendetwas zu zwingen. Es stimmte zwar, dass alle Oritenen in ihrem Alter schon genau wussten, welchen Meister sie ab ihrem fünften Lebensjahr wählten, doch wollte sie sich noch nicht entscheiden. Ihre Mutter gab seit ihrer Geburt alles dafür, dass sie in die Fußstapfen des großen Aralon trat, denn für sie hatte sein Geist eindeutig den Körper ihrer Tochter gewählt.

Sie wollte einfach nur frei sein und sich nicht in eine Richtung drängen lassen, für die sie selbst nicht einstand. Warum konnte sie nicht das tun, wonach ihr gerade war, wieso sich für ein Leben lang auf eine Profession festlegen?

»Na, wieder einmal in Gedanken verloren?«, riss sie eine Stimme in die Gegenwart.

»Ideros!«, stieß Aralona überrascht aus.

»Was ist es diesmal?«, fragte er und blieb stehen.

»Meine Mutter mal wieder. Ich habe mich noch nicht entschieden«, antwortete sie und setzte sich mit ihm in Richtung Dorfzentrum in Bewegung.

Ideros hob die Augenbrauen. »Immer noch nicht? Es wird langsam Zeit.«

»Ich weiß«, stöhnte sie. »Aber du kennst meine Mutter. Egal, wie ich mich entscheide, ich enttäusche sie sowieso. Ich bin nicht der große Aralon und eigentlich habe ich auch keine große Lust darauf, wie er zu sein. Ich bin ja nicht mal ein Junge!«

»Du musst ja gar nicht sein wie er. Du kannst sein, was du willst«, versuchte Ideros sie aufzumuntern und kniff sie in die Schulter.

»Du hast ja recht.« Aralona verschränkte ihre Arme vor der Brust. »Aber woher weißt du jetzt schon so genau, dass die Nomaden das Richtige für dich sind?«

Ideros zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass mein Vater vermutlich einer war.« Er deutete auf den Höcker auf seinem Rücken. Nur die Kinder der Hasaren hatten solche. »Daher denke ich, dass ich das wohl auch gut kann. Mir gefallen die Geschichten, die man über sie erzählt und heute kann ich sie zum ersten Mal von ihnen selbst hören.« Ideros schien ganz aufgeregt.

»Wie?«, fragte Aralona verwirrt.

»Eine Nomadengruppe wurde am Horizont im Norden gesichtet. Sie müsste bald eintreffen. Und da wir nun im richtigen Alter sind, dürfen wir an der Zusammenkunft teilnehmen und uns ihre Geschichten anhören. Vielleicht nehmen sie mich ja schon auf ihre nächste Reise mit! Wäre das nicht auch etwas für dich? Sie brauchen doch Heiler«, schlug er vor.

Über das Leben als Nomadin hatte sie noch gar nicht nachgedacht. »Ich glaube nicht. Zumindest meinte Casantes in der Magieausbildung immer, dass zwar das Feuer der Magie in mir brennt, aber zu mehr als einem leichten Glühen würde ich es nicht bringen und er würde auch nicht weiter versuchen mich anzuzünden.« Aralona zuckte mit den Schultern. »Seitdem war mein besonderes Talent für die Ausbilder wohl irrelevant.«

Darauf wusste Ideros nichts zu erwidern, weshalb sie sich den Rest des Weges bis zum Dorfzentrum anschwiegen.

Als sie eintrafen, herrschte bereits reges Treiben. Zentauren transportierten Essen und Getränke in die Mitte des Platzes, fachten wärmende Feuer an und es trafen viele Schaulustige ein.

Einer der Jäger drückte den beiden Fohlen einen Becher Traubensaft in die Hand. »Willkommen bei den Großen«, grölte er sie voller Euphorie an. Für alle im Dorf war die Heimkehr der Nomaden ein großes Ereignis, das von vielen gefeiert wurde.

Aralona schaute hinunter auf den Becher in ihren Händen. Bis jetzt war ihr immer verboten worden, auf den Festen der Erwachsenen dabei zu sein und erst recht mitzutrinken. Nun gehörte sie also anscheinend dazu. Vermutlich würde ihre Mutter auch das am liebsten verbieten, dachte sie und nahm trotzig einen Schluck des Traubensaftes.

»Sie kommen«, rief ein Orite, der ins Dorf getrabt kam und aufgeregt auf und ab hüpfte.

Mittlerweile war die Sonne untergegangen und der Dorfplatz voll von schaulustigen Zentauren, die auf die Geschichten der Nomaden und das gesellige Beisammensein warteten. An der Nordseite des Platzes rückten die Zentauren zusammen und bildeten ein Spalier, um die ankommenden Nomaden in ihre Mitte zu lassen. Ideros reckte neugierig seinen Hals, um die Neuankömmlinge zu erspähen.

Es traten fünf Hasaren in die Dorfplatzmitte. Allesamt hatten sie Felle, Taschen und Beutel um ihren Höcker gebunden und über Brust und Schultern hingen Bögen. Sie hielten gesenkte Speere in den Händen. Auch wenn sie gerade eine lange Reise beendeten und sich ihre Rippenbögen schon durch die Haut abzeichneten, ging von dieser Gruppe eine Aura von Macht aus. Aralona verspürte vom ersten Moment an Ehrfurcht vor diesen fünf Zentauren. Sie hatten helles, dichtes Fell, welches sie vor der Hitze der Wüste schützte. Ihre Köpfe waren wie immer kahl geschoren und ihre Haut besaß einen sonnengebräunten Teint.

»Erhebt die Becher auf Achetrios und seine Männer und Frauen«, rief der gleiche Jäger, der den beiden Fohlen den Becher mit Traubensaft in die Hand gedrückt hatte.

Überall um sie herum wurden die Becher in die Höhe gestreckt und die Anwesenden jubelten laut. Dadurch schien die Anspannung der Heimgekehrten abzufallen, denn sie bedienten sich ausgelassen an den Speisen und Getränken, die ihnen an den Lagerfeuern gereicht wurden.


»Und gerade als wir untersuchen wollten, warum die Tiere aus einer Region der Wüste geflüchtet waren, stürzten sich drei Greife aus dem Himmel auf uns herab. Sie dachten wohl, wir wären leichte Beute für sie in der offenen Wüste. Aber unser Freund Myletrius hier«, Achetrios hielt kurz inne, um seinem Mitstreiter auf die Schulter zu klopfen, »schoss dem ersten Ungeheuer einen Pfeil direkt in die Brust. Er tötete ihn zwar nicht, dennoch floh er sofort.«

Die Zentauren, die um sie herum standen oder lagen, kommentierten die Erzählungen mit bewundernden Ausrufen. Aralona hatte sich etwas abseits gestellt, ab und zu am Traubensaft genippt und gespannt den tollen Geschichten gelauscht. Natürlich war ihre Mutter mittlerweile ebenfalls eingetroffen und hatte sie genau im Blick. Ideros hingegen hing der Heldengruppe gebannt an den Lippen. Sie verstand mittlerweile, warum er...