Unser Leben, unser Alltag ist voll von Wissenschaft. Aber wenn es um Gravitation oder Quantentheorie, DNA oder Schwarze Löcher geht, fühlen sich sehr viele Menschen wie wissenschaftliche Analphabeten - und sind es auch. »Ich verstehe das nicht mehr«, sagen viele. Zu viele, für Ernst Peter Fischer. Sein mitreißendes und herausforderndes Plädoyer dafür, wie wichtig, faszinierend und lebendig Wissenschaft ist, will unsere Neugier wieder wecken. Denn wollen wir wirklich unmündig sein in Bezug auf die Wissenschaft? Fischer kämpft in seinem Buch dafür, dass das Licht der wissenschaftlichen Vernunft endlich hell leuchten kann.
»Ich verstehe die Welt nicht mehr!« Diesen Satz legt der dem Realismus verpflichtete Dramatiker und Lyriker Friedrich Hebbel am Ende seines 1843 uraufgeführten Schauspiels »Maria Magdalena« der Figur Meister Anton in den Mund, und auch wenn der Dichter und seine Figur damit nicht die Wissenschaft ihrer Tage direkt ansprechen wollten, so hätten sie durchaus deren erstaunliche Fortschritte im 19. Jahrhundert meinen können. Denn diese ließen selbst die Philosophie hinter sich, deren sich im reinen Denken verlierende Vertreter nur staunend zuschauen konnten, als Chemiker wie Amedeo Avogadro lernten, die Zahl der Moleküle in Gasen zu bestimmen, als Physiker wie Michael Faraday und James Clerk Maxwell sich daran machten, elektromagnetische Kräfte zu entfesseln, und als sich Mathematiker wie Carl Friedrich Gauß in der Lage zeigten, die Wahrscheinlichkeit von Irrtümern und die Zuverlässigkeit von Rentenzahlungen zu berechnen. Während sich die Philosophen in der »Phänomenologie des Geistes« verhedderten und ohne jeglichen praktischen Nutzen Hegels vertrackt formulierte Ansichten über »dasjenige, was An-sich ist« begrübelten, konnte die Wissenschaft eine Errungenschaft nach der anderen feiern. Dem Astronom Friedrich Wilhelm Bessel war es gelungen, die Entfernung zu einem Stern außerhalb des Sonnensystems in Lichtjahren zu bestimmen. Erfinder und Ingenieure wie David Alter konstruierten erste funktionierende Telegrafen, deren Signale in kaum merklicher Zeit Entfernungen von mehreren Kilometern zu überbrücken vermochten, und dem Chemiker Friedrich Wöhler war der Nachweis gelungen, dass sich organische Substanzen wie Harnstoff ohne Niere im Reagenzglas herstellen lassen – was die Frage aufwarf, die auch den Zeitgenossen Goethe in seinem Faustdrama beschäftigte, ob man bald auch Menschen in der Retorte machen könne. Und schließlich konnte die Physik nach sorgfältigen Himmelsbeobachtungen mit Präzisionsinstrumenten, die von Joseph von Fraunhofer stammten, mit einer weiteren Glanztat auftrumpfen. Durch die Messung einer Parallaxe konnte sie erstmals den Nachweis liefern, dass Kopernikus im 16. Jahrhundert recht gehabt hatte, als er die These formulierte, dass die Erde keineswegs im Mittelpunkt der Welt mit ihren planetaren Sphären steht. Sie bewegt sich stattdessen um die Sonne herum, und zwar ziemlich schnell. Die Erdenmenschen schauen seit dieser Zeit nicht mehrin den Himmel, einige von ihnen haben gelernt, dass sie sich vielmehram Himmel befinden und in ihm unterwegs sind. Und ihr Heimatplanet kurvt nicht nur auf einer ellipsenförmigen Bahn um das Zentralgestirn herum, sondern er dreht sich zudem um seine eigene Achse und ist mit seinen Bewohnern auch sonst viel im All unterwegs, wie im 19. Jahrhundert allmählich unübersehbar wurde, selbst wenn sich die damit verbundene rasa