Wie die Fettsucht in die Welt kam – der Siegeszug der Nahrungskonzerne
Eine Welle von Fettsucht breitet sich seit den 1990er Jahren weltweit aus. Mehr als zwei Milliarden Menschen sind betroffen. Nach Zahlen der Weltgesundheitsorganisation WHO sterben jährlich 2,8 Millionen an den Folgen von Übergewicht und Adipositas. Einst ein Problem der reichen Länder, hat es mittlerweile auch die unteren und mittleren Einkommensschichten rund um den Globus erreicht, besonders den globalen Süden.24
Ihre Verbreitung geht einher mit dem Aufstieg transnationaler Nahrungsmittelkonzerne, deren Geschäftsmodell bestechend einfach ist. Man nehme möglichst preiswerte Rohstoffe wie Mais, Soja, Zucker und Öl, zerlege sie bis in ihre kleinsten Fraktionen, mische sie mit einer Palette von Zusatzstoffen und fertige daraus »Ultra-Processed Foods«, Produkte die vor allem drei Dinge versprechen: gute Resonanz bei der Kundschaft, gute Lagerfähigkeit in den Regalen und damit geringe Ausfälle und in der Folge hohe Profite für die Hersteller.
Der Leiter der Forschungsgruppe »Weiche Materie Lebensmittelwissenschaft« beim Max-Planck-Institut für Polymerforschung in Mainz, Professor Thomas Vilgis, hält das Verfahren für einen paradoxen Prozess. Er fragt, wofür braucht es eine Industrie, die erst Lebensmittel zerstört, um sie dann als »Ultra-Processed Foods« wieder zusammenzusetzen und als Handelsware unter dem Etikett Nahrungsmittel zu verkaufen?
»Ultra-Processed Foods« füllen in Kanada, Großbritannien und Australien mittlerweile mehr als die Hälfte aller Lebensmittelregale.25 »Ultra-Processed Foods« stehen hinter mehr als 50 Prozent des täglichen Kalorienverbrauchs der Weltbevölkerung.26 Und es sieht nicht so aus, als ob diese Tatsache wieder rückgängig gemacht werden könnte. Denn hinter diesem Siegeszug stehen mächtige wirtschaftliche Interessen und eine willfährige Politik, die diesen Rückendeckung verschafft. Wer hier angreift, bekommt es mit den fünf größten Lebensmittelkonzernen der Welt zu tun. Mit Big Food, wie sie in Anlehnung an Big Tobacco, die Mächtigen der Zigarettenindustrie, genannt werden, möchte sich keiner gerne anlegen.27
Big Food bestimmt, was in den Supermärkten angeboten und von ihrem schwergewichtigen Publikum wertgeschätzt wird. Von Süßgetränken über Süßwaren, gezuckerte Milchprodukte, hochkalorische Fertiggerichte und Snacks für den »kleinen Hunger zwischendurch«. Seit 1990 überschwemmten mehr als 100 000 Varianten dieser Industrieprodukte den Markt.28 Täglich werden damit rund eine Milliarde Dollar umgesetzt. Ein Markt, der sich nicht einfach abschaffen lässt, auch wenn seine Produkte gesundheitliche und volkswirtschaftliche Schäden verursachen. Sie werden von der Weltbank global auf sechs Trillionen US-Dollar pro Jahr beziffert, konservativ geschätzt.29
Wie Big Food begann
Der Platzhirsch unter den global agierenden Konzerne