WEIHNACHTEN IM LINIENBUS
Von Mickey Wiese
Die Linie 776 war eine besondere Buslinie. Ihre Fahrer waren Busfahrer aus Berufung und Leidenschaft, manche schon in der 3. Generation. Zumindest half ihnen diese Betrachtungsweise über die schlechte Bezahlung und die mangelnde Wertschätzung ihres Berufsstands in der Bevölkerung hinweg. Der ganzen Bevölkerung? Nein. Diejenigen, die noch mit den Herzen sehen konnten, sahen bisweilen auch noch etwas Anderes in diesen Männern. Vor allem die Kinder fuhren immer wieder gerne mit.
Manchmal verabredeten sie sich sogar dort im Bus, um ein paar Runden zu fahren, mit den Fahrern zusammenzusein und mit ihnen zu reden, weil die immer freundlich zu ihnen waren und zuhörten. Und mit der Zeit wurden die Busfahrer der Linie 776 so immer mehr zu modernen Hirten, die auf ihre Herde aufpassten und schauten, dass es allen gutgeht.
Sie fuhren vorsichtig, wenn sie sahen, dass auf der letzten Bank Hausaufgaben gemacht wurden oder eine alte Dame noch keinen Sitzplatz gefunden hatte.
Die Strecke des 776ers führte durch moderne Hochhaussiedlungen und alte Dorfkerne, soziale Brennpunkte, öde Landschaften, an der Gesamtschule vorbei, in die die meisten Kinder der Gegend gingen, bis hin zu einem großen Einkaufszentrum.
Dragan Müller war einer der Fahrer. Er war ein gläubiger Mensch und hätte viel lieber die Linie 777 gefahren, aber die fuhr mittlerweile nur noch im Tal der Reichen, und nicht jeder durfte dort ans Steuer. Dragan gehörte jedenfalls nicht dazu. Dazu hatte er schon zu oft Ärger gehabt. Unter anderem auch immer wieder, weil er sich den Kindern gegenüber freundlich zeigte, ihnen Geschenke machte, sich mit ihnen sehr privat unterhielt und Außenstehende das des Öfteren als Grenzüberschreitungen empfunden hatten. Dabei haben sie seine Motivation komplett missverstanden. Aber sie konnten ja nicht wissen, wo er herkam, und dass im Balkankrieg seine Geschwister und sein Vater vor seinen Augen und denen seiner Mutter erschossen worden waren. Seine Mutter Snejana und er hatten nur fliehen können, weil sein Vater sich im Todeskampf über sie geworfen und die Angreifer sie für tot gehalten hatten. Danach waren sie durch die Wirren des Kriegs über dunkle Transportkanäle fast ein ganzes Jahr lang nach Deutschland geflohen.
Da war Dragan 7 Jahre alt gewesen. Als er 8 geworden war, hatte seine Mutter an Weihnachten den Busfahrer Martin Müller kennengelernt. Die beiden heirateten, und Martin war Dragan ein guter Vater geworden. Auch darum war Dragan Busfahrer geworden – nicht nur wegen dem vergeigten Hauptschulabschluss.
Durch seine Geschichte hatte Dragan immer einen besonderen Blick für Kinder, denen es nicht so gut ging, die Mangelerfahrungen im weitesten Sinne hatten. Und aus denen setzten sich hauptsächlich die Fahrgäste der Linie 776 zusammen. Sie trafen sich sozusagen in ihrem externen Kinderzimmer als einem sicheren Raum.
Das Ungewöhnlichste waren sicherlich alljährlich die Feiertage, allen voran Weihnachten. Feiertage bescherten den Familien, zumindest in dieser Gegend, neben Rührseligkeit vor allem auch ein erhöhtes Konfliktpot