: Gudrun Leyendecker
: Als die kleine Welt zerbrach
: Books on Demand
: 9783754391587
: 1
: CHF 4.80
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 360
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
In Sankt Augustine, dem romantischen historischen Städtchen sind die Bürger beunruhigt. Ein entflohener Häftling soll sich in der Gegend aufhalten. Als dann ein Mord geschieht, hilft die Journalistin Abigail Mühlberg dem Kommissar bei der Aufklärung. Eine Liebesgeschichte bewegt die Herzen.

Gudrun Leyendecker ist seit 1995 Buchautorin. Sie wurde 1948 in Bonn geboren, siehe Wikipedia. Sie veröffentlichte ca 40 Bücher, unter anderem Sachbücher, Kriminalromane, Liebesromane, und Satire. Leyendecker schreibt auch als Ghostwriterin für namhafte Regisseure. Sie ist Mitglied in schriftstellerischen Verbänden und in einem italienischen Kulturverein.

„Wer in Sankt Augustine hat eigentlich immer diese tollen Ideen, Abigail?“ erkundigte sich Carla bei mir. „Ist das der Bürgermeister, Herr Schneider, der sich immer wieder neue Events ausdenkt?“

Ich überlegte kurz. „Manchmal war das Gemeinschaftsarbeit. Die historischen Umzüge, das Rosenfest und „das große Spiel“ wurden von den Rossinis, dem Bürgermeister und unserer lieben Spenderin, der guten Frau Ackermann ins Leben gerufen. Dieses Sommerfest mit dem Namen „Sole del Sud“ hat eigentlich die Schlossherrin selbst, Adelaide ins Leben gerufen.“

Carla lächelte. „Ja, „Sonne des Südens“, die beiden Rossinis haben wirklich viel Fantasie. Diese Überraschung war bestimmt für ihren Mann gedacht, oder?“

„Ja, genau. Moro hat jetzt im August Geburtstag. Für dieses Fest hat sie das ganze Spektakel organisiert.“

„Und was ist das jetzt genau? Was muss man tun, um da mitzumachen, und um einen Preis zu gewinnen?“

„Wenn du irgendetwas herstellen kannst, egal aus welchem Material, aus Holz, Ton, Knetmasse, Metall oder sogar aus Müll, irgendetwas, das zu dem Thema „Italienische Geschichte“ passt, dann kannst du am Wettbewerb teilnehmen, der im Schloss stattfindet.“

„Ach, und diese Sachen werden dann in einem Saal ausgestellt?“ Sie nippte an ihrem Wasserglas und blinzelte in die Sonne, die zu uns auf die Schlossterrasse herüber schien.

„Genau. Ausgestellt und dann von der Jury beurteilt.“

Carla freute sich. „Hört sich gut an. Ich werde mir auch etwas überlegen, und Bernhard ist immer sehr kreativ. Als Gärtner wird er bestimmt etwas aus Blumen zaubern.“

„Eine gute Idee. Ich wüsste auch schon etwas für dich“, überlegte ich.

„Prima. An was hast du gedacht?“

„An deine fantastischen Kuchen oder Plätzchen. Du könntest eine Torte backen mit Julius Caesar obendrauf“, schlug ich ihr vergnügt vor.

Sie lachte. „Das mit dem Kuchen ist keine schlechte Idee. Aber für Caesar habe ist gar nichts übrig. Den finde ich etwas größenwahnsinnig, wie noch viele Feldherren nach ihm. Wie wäre es denn mit der Aphrodite, die in der Schlagsahne sitzt?“ Ich hob die Augenbrauen. „Bis auf, dass Aphrodite eine griechische Göttin ist, gar nicht schlecht. Bei den alten Römern hieß sie Venus, aber von der haben wir ja bereits einen Brunnen im Park. Ich weiß nicht, ob das dann so originell wäre.“

„Du hast Recht, Abigail. Vielleicht forme ich aus Marzipan Romulus und Remus und die Wölfin, von der sie gesäugt wurden.“

Ich nickte. „Das hört sich doch schon wettbewerbsfähig an“, fand ich. „Aber für alle, die nichts basteln wollen, gibt es ja noch den Wettbewerb im Märchenpark.“

„Etwas mit Märchen? Ich wollte schon immer eine Prinzessin sein.“

„Nein. Auch hierbei geht es um die Geschichte des Landes Italien. Es gibt kleine Aufführungen oder auch nur lebende Skulpturen.“

Carla riss die Augen auf. „Lebende Skulpturen? Mit Batterie oder Strom?“

„Nein. Menschen, die sich zu einem Standbild verkleiden und eine bestimmte Haltung einnehmen. Es gibt sie als lebende Statuen oder Living Dolls. Eine Gruppe hat sich bereits angemeldet.“

„Ach, die kenne ich. Die stehen immer in verschiedenen großen Städten herum, und man erschrickt sich, wenn sie sich plötzlich bewegen. Und was stellt diese Gruppe dar?“ „Die Menschen sind die Figuren eines alten italienischen Brettspiels. Das stell ich mir ganz hübsch vor. Es heißt „Gioco dell Oca“, das Spiel der Gans. Ich kenne es nicht, aber ich stelle es mir hübsch vor, wenn die Menschen auf einem Spielbrett als Gänse verkleidet herumhüpfen.“

„Kennst du denn schon jemanden aus unserem Kreis, der da mitmacht? Irgendjemanden vom Schloss?“

„Die werden sich bestimmt alle noch anmelden“, vermutete ich. „Bisher hat sich nur der Tierarzt Clemens bei mir angemeldet und Maria, seine Freundin, die Tiermedizin-Studentin, die ihm auch in der Arztpraxis hilft.“

„Oh ja, die beiden kenne ich gut, dass ist das Liebespaar, über das so viele sprechen, weil er so viel älter ist als sie. Was stellen die beiden denn dar? Romeo und Julia?“

Ich lächelte. „Nein. Das ist doch eine unglückliche Liebesgeschichte. Die passt nicht zu den beiden. Sie spielen das Liebespaar Venus und Mars aus der römischen Mythologie. Die beiden durften wenigstens miteinander glücklich sein.“

„Aber auch nicht sehr originell“, fand Carla. „Weißt du denn schon, was ihr macht, du und Ermanno?“

„Ehrlich gesagt, auch da habe ich noch gar keine Ahnung. Vielleicht raffe ich mich auch noch dazu auf, irgendetwas zu basteln. Es ist ja noch ein bisschen Zeit.“

Sie riss die Augen auf. „Nur noch drei Tage! Da müssen wir uns beeilen. Schmecken dir diese Plätzchen?“ Sie zeigte auf das duftende Gebäck, das in einer Glasschale vor uns stand.

„Himmlisch! Und ich weiß, ich muss dich gar nicht erst wegen eines Rezeptes fragen, du verrätst deine geheimnisvolle Mischung sowieso nicht.“

Die Schlossherrin Adelaide trat zu uns auf die Terrasse. Ihre Stimme klang aufgeregt. „Ich muss euch etwas Schreckliches sagen. Niklas war eben hier, und es wurde auch in den Medien bekannt gegeben. Aus der nahe gelegenen Justizvollzugsanstalt ist ein Straftäter entflohen. Seine Exfrau Malu wohnt hier in Sankt Augustine und die Polizei ist gerade bei ihr, um mit ihr zu reden und sie eventuell auch zu beschützen.“

Carla hob die Augenbrauen „Warum beschützen? Hat er ihr einmal etwas angetan? Ist er ein Mörder?“

„Er muss eine ganze Liste an Straftaten besitzen. Ziemlich viele Betrügereien und meines Wissens auch Diebstahl. Irgendjemand hat ihn auch beschuldigt wegen eines versuchten Mordes. Malu hat sich wohl vor kurzem von ihm getrennt. Ich denke, das passt ihm sicherlich nicht.“

„Dann sollte sie vielleicht besser untertauchen“, überlegte Carla.

„Genau das meint unser guter Kommissar Niklas Meyer auch. Und er hat mich gefragt, ob wir sie hier inzwischen im Schloss aufnehmen können. Das muss natürlich dann geheim bleiben.“

„Das ist eine gute Idee. Und was hast du gesagt, Ada?“

„Ich glaube, dass keiner von den Schlossbewohnern etwas dagegen hat. Deswegen habe ich ihm gesagt, dass er sie hierher bringen darf. Moro ist auch damit einverstanden. Hier sind die ganzen Künstler, die auch ein bisschen aufpassen können, dass es Malu gut geht.“

Carla sah die ältere Dame erwartungsvoll an. „Weißt du denn etwas über sie? Wie alt ist sie, und was macht sie so? Hat sie einen neuen Partner gefunden?“

„Sie ist circa vierzig Jahre alt und arbeitet in einer großen Fabrik im Industriegebiet von Wittentine. Ich glaube nicht, dass sie einen neuen Partner hat, sonst hätte sie sicherlich auch bei ihm unterkommen können“, vermutete Adelaide.

Carla dachte nach. „Oh, das muss nicht sein. Ich glaube, dann wären gleich zwei Leute in Gefahr. Wer weiß, ob dem Straftäter das so gefällt, wenn seine Frau einen Neuen hat. Wie heißt er denn? Vielleicht habe ich schon einmal etwas von dem Fall gehört.“

„Er heißt Linus Schwaetzer, und ich erinnere mich an einen der Fälle, die damals in der Zeitung gestanden haben. Unter anderem hat er auch eine Anlagefirma gegründet und viele Menschen um ihr Vermögen gebracht. Aber er ist wohl sehr vielseitig. Er muss auch ein gewalttätiger Mensch sein, der ab und zu ausrastet.“

Carla schüttelte sich. „Wie schrecklich! Er darf nicht erfahren, dass sie hier ist. Das könnte uns allen dann nicht gut bekommen. Aber vielleicht hat er sich auch mit dem Gedanken abgefunden, dass sich seine Frau von ihm getrennt hat. Weißt du darüber etwas, Adelaide?“

„Genau das hat er nicht. Und deswegen ist die Polizei auch momentan bei Malu und trifft mit ihr Vorsorgemaßnahmen. Ich denke, ich werde jetzt vorsichtshalber mal ein Bett im Gästetrakt beziehen.“

„Nein, Ada! Das musst du wirklich nicht. Ich werde das für dich erledigen und Abigail hilft mir bestimmt, das Zimmer zurechtzumachen.“

Die Schlossherrin freute sich. „Das ist lieb von euch. Dann kann ich mich ein bisschen um Moro kümmern. Heute geht es ihm so gut, dass er mit mir ein paar Schritte draußen im Park spazieren gehen möchte. Wir werden den Rollator mitnehmen, da fühlt er sich sicherer.“

„Brauchst du noch Hilfe?“ erkundigte ich mich.

„Danke! Damit kommen wir gut klar. Aber es ist mir schon eine Hilfe, wenn ihr das Fremdenzimmer herrichtet. Also, bis später dann!“

***

Nachdem wir im Gästetrakt das Zimmer gesäubert und das Bett frisch bezogen hatten, stellten wir noch allerlei Knabbereien in einer Schale auf den Tisch. Bernhard brachte...