Die Kunst der Beiläufigkeit
Zu den nostalgischen Klagen über die Gegenwart gehört gelegentlich auch die Feststellung, es werde nicht mehr erzählt. Die Erzählforschung als Teil der Folkloristik hat – begonnen mit den Brüdern Grimm und bis zum Gipfelplateau der 15-bändigen »Enzyklopädie des Märchens« – für die traditionellen Erzählformen so umfangreiche Ergebnisse vorgelegt, dass neuere Entwicklungen oft im Abseits blieben; und in der Bilanzierung durch Nicht-Fachleute wird der Rückgang oft noch stärker betont.Es wird nicht mehr erzählt – den Maßstab für diese Behauptung liefern romantische Bilder von Erzählrunden, die regelmäßig zusammenkamen, womöglich unter einem mächtigen Lindenbaum.
Kein Zweifel, es gab solche Zusammenkünfte, und es gab männliche und weibliche Erzählprofis, die lange Zeit einzelne Erzählkreise bedienten und beherrschten, die aber ihre Kunst zum Teil auch in Wanderungen von Ort zu Ort umsetzten. Außerdem gab es – meist nicht eigens organisiert – Erzählrunden auch in zwangsweise entstandenen Gruppen, etwa beim Militär oder in Kliniken. Und in der agrarisch bestimmten Gesellschaft fanden sich auch Wirtschaftszweige, in denen die Arbeit ganze Gruppen von Menschen zusammenführte, ohne dass sie von dröhnendem Lärm belästigt wurden. Zum Beispiel wurden Orte der Tabakbearbeitung und der Zigarrenherstellung als günstiges Erzählmilieu für die klassischen Erzählgattungen erkannt. Aber vor allem aus weniger extensiv industrialisierten Ländern kommen bis heute auch Belege dafür, dass sich das Repertoire nicht auf die klassischen Folklorestücke beschränkte, dass vielmehr auch persönliche Erlebnisse und moderne Geschichten erzählt wurden.
Die ungarische Forscherin Ilona Dobos hat dies schon in den 1960er Jahren festgestellt. Sie betont zwar, dass die Erzählerinnen und Erzähler aus einer Umgebung kamen, wo das Erzählen von Märchen alsgewohnte Zerstreuung galt, dass sie aber auch mit Alltagsgeschichten auftraten. In einer von Dobos protokollierten Episode präsentiert eine Erzählerin wahre Geschichten, wie sie es nennt. Die Einleitung zu einer dieser Geschichten ist wörtlich zitiert:Ich will Ihnen eine sehr interessante Geschichte erzählen. Ich habe sie hier schon häufig erzählt. Nur weiß ich nicht, wie ihr Titel sein sollte, ›Die heimtückische Schwiegermutter‹ oder ›Die tapfere Schwiegertochter‹. Das ist sie selbst, und sie erzählt, dass ihr die Schwiegermutter nach dem Tod ihres Sohnes ein kleines Vermögen vorenthält. Die Erzählerin stellt also ihre Integrität heraus, scheut sich aber offenbar nicht, trotz der sehr persönlichen Note die Geschichte mehrfach in ihr Programm zu nehmen.
Ganz allgemein lässt sich feststellen, dass die Neuheit keine Bedingung für das Erzählen und den Erfolg des Erzählens ist. Von Kindern weiß man das; sie können geradezu süchtig werden nach einer bestimmten Geschichte, und das gilt auch für die Verlängerung in die Elektronik. Man kann beispielsweise unterstellen, dass es weltweit Millionen von Kindern gab und gibt, die sich die Weihnachtszeit nicht vorstellen können ohne die mehrfache Nutzung der in vielen Sendern bereitgestellten wunderschönen tschechischen Verfilmung einer Aschenputtel-Version. In abgeschwächter Form gilt dies aber auch für Erwachsene. Man denke nur an die Stammtische, an denen über lange Zeitstrecken die immer gleichen Personen zusammenfinden und Neuigkeiten austauschen, aber auch Geschichten am Leben halten. Grundsätzlich muss, was erzählt wird, nicht neu und unbekannt sein; es kann auch Gefallen erregen, indem es mit der Erinnerung der Zuhören