: Jean-Pierre Wils
: Der Große Riss Wie die Gesellschaft auseinanderdriftet und was wir dagegen tun müssen. Ein Essay
: S.Hirzel Verlag
: 9783777631059
: 1
: CHF 21.20
:
: Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
: German
: 100
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Die Corona-Pandemie als Brennglas: Darunter sehen wir den instabilen Zustand unseres Zusammenlebens noch deutlicher. Doch warum waren wir unvorbereitet, trotz langjähriger Warnungen? Für Jean-Pierre Wils ist der Virus-Notstand vor allem ein Klima-Notstand: Wils bietet eine genaue und vielschichtige Analyse der Welt in Zeiten von Corona und liefert konkrete Vorschläge zur Richtungsänderung. So zum Beispiel für eine »Kultur der Provisorien« - einer Kultur der Nachdenklichkeit, der Selbstprüfung und der Wegberichtigung, der Verlangsamung und der Orientierung an sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit ...

Jean-Pierre Wils, Jahrgang 1957, studierte Philosophie und Theologie in Leuven/Belgien und Tü-bingen. Seit 1996 ist er Ordinarius für Christliche Ethik, seit 2010 Ordinarius für Soziale, politische und Kulturphilosophie, seit 2015 Ordinarius für Philosophische Ethik und Kulturphilosophie an der Universität Nijmegen Niederlande. Wils veröffentlichte zahlreiche Publikationen und war, jahrelang Mitherausgeber der Zeitschrift 'Ethik und Unterricht' und Herausgeber der Essayreihe 'Disput'. Seit 2021 fungiert er als Herausgeber der 'Scheidewege. Schriften für Skepsis und Kritik'. Im Hirzel Verlag erschienen von ihm 'Sich den Tod geben. Suizid als letzte Emanzipation?' und 'Der Große Riss. Wie unsere Gesellschafts auseinanderdriftet und was wir dagegen tun können'.

Anstelle eines Vorworts


»Irgendetwas ist grundfalsch an der Art und Weise,
wie wir heutzutage leben.«

Tony Judt[5]

Die Ungeheure Unterbrechung


Vor zehn Jahren erschien ein eindrückliches Buch über eine heimtückische Krankheit, die vor allem alte Menschen trifft – Alzheimer. Der österreichische Autor Arno Geiger erzählte in »Der alte König in seinem Exil« von der Erkrankung seines Vaters. Es begann mit ersten Anzeichen der Vergesslichkeit und der Desorientierung, dann aber nahm die Krankheit ihren unerbittlichen Lauf und äußerte sich vor allem in der Empfindung des Vaters, kein Zuhause mehr zu besitzen. Das Voranschreiten der Vergesslichkeit löste in der Familie anfangs vor allem Irritationen aus, nötigte alsbald zu zunehmend schwierigen Arrangements und zu aufwendigen praktischen Hilfestellungen. Die Angehörigen mussten sich der unaufhaltsamen Verschlimmerung der Krankheit anpassen. Es ist vor allem der Wunsch des Vaters, nicht heimatlos zu werden, der Arno Geiger dazu bringt, über die Bedeutung des Zuhauseseins nachzudenken.

Es schmerzt den alten Herrn, dass er ab einem bestimmten Zeitpunkt sein eigenes Haus nicht mehr wiedererkennt. Nicht einmal die Hausnummer, die er in seinem löchrigen Gedächtnis noch behalten hat, vermag den Vater davon zu überzeugen, vor der eigenen Haustüre zu stehen. Als die Schwester des Autors ihn fragt, was diese Hausnummer zu bedeuten habe, antwortet ihr Vater, dass wohl jemand das Schild gestohlen und es an dieser Stelle neu angeschraubt habe. Die Welt des Erkrankten ist rissig geworden, und irgendwann beschleicht Geiger der Gedanke, die Alzheimererkrankung könne – über die Situation des Vaters hinaus – womöglich auch etwas über den Zustand unserer Welt aussagen:

»Alzheimer ist eine Krankheit, die, wie jeder bedeutende Gegenstand, auch Aussagen über anderes als nur über sich selbst macht. Menschliche Eigenschaften und gesellschaftliche Befindlichkeiten spiegeln sich in dieser Krankheit wie in einem Vergrößerungsglas. Für uns alle ist die Welt verwirrend, und wenn man es nüchtern betrachtet, besteht der Unterschied zwischen einem Gesunden und einem Kranken vor allem im Ausmaß der Fähigkeit, das Verwirrende an der Oberfläche zu kaschieren. Darunter tobt das Chaos.

Auch für einen einigermaßen Gesunden ist die Ordnung im Kopf nur eine Fiktion des Verstandes. Uns Gesunden öffnet die Alzheimererkrankung die Augen dafür, wie komplex die Fähigkeiten sind, die es braucht, um den Alltag zu meistern. Gleichzeitig ist Alzheimer ein Sinnbild für den Zustand unserer Gesellschaft. Der Überblick ist verlorengegangen, das verfügbare Wissen nicht mehr überschaubar, pausenlose Neuerungen erzeugen Orientierungsprobleme und Zukunftsängste. Von Alzheimer reden heißt, von der Krankheit des Jahrhunderts reden. Durch Zufall ist das Leben des Vaters symptomatisch für diese Entwicklung. Sein Leben begann in einer Zeit, in der es zahlreiche feste Pfeiler gab (Familie, Religion, Machtstrukturen, Ideologien, Geschlechterrollen, Vaterland), und mündete in die Krankheit, als sich die westliche Gesellschaft bereits in einem Trümmerfeld solcher Stützen befand.

Angesichts dieser mir während der Jahre heraufdämmernden Erkenntnis lag es nahe, dass ich mich mit dem Vater mehr und mehr solidarisch fühlte.«[6]

Man braucht das Wort Alzheimer nur durch Corona zu ersetzen, um ein neues Sinnbild zu erhalten. Und dieses weicht in seiner Aussagekraft kaum von seinem Vorgänger ab. Auch die Corona-Pandemie hat uns mit menschlichen Eigenschaften und gesellschaftlichen Befindlichkeiten konfrontiert, die zu überraschen vermochten. Wir wurden zu Zeugen einer bereits verschüttet geglaubten Hilfsbereitschaft und sahen Beispiele dafür, wie Menschen sich bis zur Selbstaufgabe für Verwandte und Fremde einsetzten. Aber es zeigten sich ebenso die harsche Weigerung, sich in das Schicksal anderer auch nur elementar einzufühlen, und die bequeme Haltung, sich zu verschanzen in einer alternativen Wirk