Die Blindheit des Geoffroy Saint-Hilaire
Aufrecht wie ein Schilfrohr saß er und schaute in den blassen Himmel über der Stadt. Saß so mühelos auf der Bank aus Eisen, als sei das die Haltung, die dem Menschen angeboren ist: mit zurückgelegtem Kopf das Gesicht in den Himmel zu halten. Stundenlang konnte er so dasitzen. Irgendetwas sah er dort oben.
Er heißt Atir.
Atir, und wie weiter? Nichts weiter. Kein Nachname überliefert, man wird ihm keinen gegeben haben. Stammte aus Sannar, einer Sklavenstadt am Blauen Nil. Dort tragen sie die Geschichte ihrer nie endenden Gefangenschaft auf der einen Schulter. Auf der anderen den Korb mit getrocknetem Kameldung. Nachnamen tragen sie nicht.
Es ist noch Nacht, wenn Atir sich auf die eiserne Bank setzt. Er blickt in die Dunkelheit. Wenn der Morgen kommt, hat er den Kopf nicht bewegt.
Und warum sollte er ihn dann jetzt bewegen, wo der alte Hilaire in den Garten geführt wird, in denjardin du roi der Stadt Paris.Jardin du roi, so hieß dieser Garten schon vor der Revolution. Eine kurze, atemlose Zeit lang war er derjardin des plantes, der Garten für die Pflanzen gewesen, und nicht mehr der Garten für den König. Aber in diesem Jahr 1840 ist die Wut aufgebraucht. Der Garten hat seinen alten Namen zurückbekommen. Die Zeit, während der er derjardin des plantes war, reichte gerade dafür, eine Revolution zu machen. Und sie wieder zu verlieren. Jetzt haben sie ihm seinen alten Namen zurückgegeben. Gegen ein mäßiges Entgelt können die Bewohner der Stadt Paris den Garten betreten. Sie tun es selten in diesem Sommer.
War es so, dass die Stadt starb, als die alten Namen wieder von ihr Besitz ergriffen? Die Straßen unter dem weißen Augusthimmel waren leer, und die Bäckerläden rochen nach kaltem Wasser. Die Fensterläden verschlossen. Die Bewohner fortgezogen, sie kommen erst wieder zurück, wenn es Zeit ist, sich im alten Kinderzimmer ein letztes Mal auf das harte Bett zu legen.
Nur derjardin mit seinen fremden Pflanzen und wilden Tieren, der schien noch ein paar Mal Luft zu holen.
Der junge Charcot, der Hilaire in den Garten führte, schob den alten Mann auf die Bank neben Atir, setzte sich dann an seine Seite. Legte Hilaire den Lederkoffer in den Schoß. Étienne Geoffroy Saint-Hilaire, so heißt der alte Mann. Professor für Vierfüßler, Meeressäuger, Flughunde, Reptilien und die Fische des Salz- sowie des Süßwassers im Naturkundemuseum desjardin du roi. Ein umfassender Beruf, könnte man sagen. Der alte Mann hatte es darin zu etwas gebracht.
Aber er hatte aufhören müssen, mit dem Sehen ging es immer schlechter. Die Welten unter dem Mikroskop verschwammen ihm, und er konnte das Grinsen im Gesicht seiner zahlreichen Gegner nicht mehr erkennen. »Hilaire schwadroniert von seinen gestrigen Verdiensten, wir wissen: Es sind die heutigen Irrtümer.« Wie will man da arbeiten.
Hilaire ging nicht mehr in sein Labor im Naturkundemuseum. Saß lieber unter der Jacaranda neben Atir