Gorillajagd
Über das grausame Töten von Gorillas, um ihre Babys zu fangen und in Zoos ferner Länder zu schicken
Während der ersten drei bis vier Lebensjahre haben Gorillakinder einen weißen Fleck am Hintern, erzählte mir die Verhaltensbiologin Iris Weiche. Der zeigt den anderen Gruppenmitgliedern: Ich bin noch klein, kenne die Regeln noch nicht so genau, bitte sei mir deshalb nicht böse, wenn ich etwas Falsches mache. Der kleine Fritz muss noch so einen weißen Baby-Fleck auf dem Hintern gehabt haben, als seine heile Welt in der Familie zerstört wurde.
Einige der Fährtensucher und Jäger aus den Pygmäenvölkern in Kamerun nutzten damals ihr Wissen und ihre Erfahrung, um für europäische Tierhändler junge Wildtiere aus dem Dschungel zu holen. Gorillababys waren wertvoll, und eine gute Einkommensquelle gab es für viele Pygmäen ansonsten nicht. Aber gerade bei Gorillas ist die Jagd auf die Jungen oft ein grausames Töten, da Gorillas ihre Familienangehörigen verteidigen. Jetzt wollte ich genauer wissen, was Fritz in seiner frühen Kindheit passiert war. Deshalb kontaktierte ich den Leiter einer Gorilla-Auffangstation in Kamerun, Guillaume Le Flohic. Der als Ökologe und Agraringenieur ausgebildete Naturschützer hat schon mit alten Pygmäen gearbeitet, die früher selbst Wildtiere aus dem Dschungel geholt haben.
Le Flohic weiß deshalb genau, wie so eine Gorillajagd vor sich geht: »Es gibt zwei Möglichkeiten, an Junge zu kommen«, erklärte er mir, »Entweder stellen die Jäger Fallen auf. Wenn das Kind schon drei Jahre oder älter ist, läuft es oft allein neben der Mutter her. Tritt es in eine Falle, schnappt die um sein Handgelenk oder den Fuß zu, hält das Kind fest und verletzt es dabei schwer. Mutter und Vater bleiben dann meistens in seiner Nähe, manchmal sogar die ganze Gruppe.« Aber wer das Kind verteidigt, wenn der Jäger zurückkommt, um es zu holen, wird sofort erschossen. Die Gorillajagd in den Fünfziger- und Sechzigerjahren war gefährlich, auch für die Jäger, erläuterte er. Manche Gorillakinder schaffen es, sich aus der Falle zu befreien, aber sie verstümmeln sich dabei, verlieren Zehen, Finger oder sogar eine ganze Hand oder den Fuß, je nachdem, wie sich die Schlinge zugezogen hat.
Die andere Möglichkeit, an ein Gorillababy zu kommen, ist nicht weniger grauenhaft: Wenn das Baby noch so klein ist, dass es ständig am Bauch oder auf dem Rücken der Mutter getragen wird, dann erschießen die Jäger die Mutter. Manchmal nehmen sie Körperteile von ihr als Trophäe, oder sie verkaufen ihr Fleisch. Dieses Bushmeat war und ist noch immer sehr gefragt in Westafrika. Das Baby, das sich dann in Panik im Fell der toten Mutter festklammert, trennen sie von ihr ab und nehmen es mit. »Die Gorillajagd ist entsetzlich für die ganze Gorillagruppe, und für das Baby ist sie ein traumatisches Erlebnis. Die gefangenen Babys leiden noch lange, körperlich und seelisch. Wobei die meisten von ihnen nicht lange leben«, fasste Le Flohic seine Erfahrungen zusammen.
In seiner Auffangstation hat Guillaume Le Flohic mit seinem Team schon viele Gorillawaisen großgezogen, deren Eltern getötet wurden. Denn das gibt es auch heute noch, bestätigte er mir: »Na klar, das hier ist Afrika! Wenn Sie genug Geld mitbringen und die richtigen Leute fragen, holt man Ihnen in ein paar Tagen ein Gorillajunges aus dem Wald.« Seine bittere Erklärung dafür: Korruption, Armut, Chancenlosigkeit. »Das ist der vergiftete Grund, auf dem die Wilderei gedeiht«, schrieb mir der Ökologe später, nach unserem Telefongespräch. Heute sei die Gorillajagd sogar noch einfacher geworden. Denn automatische Waffen, wie das leichte Maschinengewehr AK47, ermöglichen es theoretisch jedem, der den Wald gut kennt, einen Gorilla zu töten. »Und das sind leider fast alle erwachsenen Männer Zentralafrikas, die in ländlichen Gegenden wohnen.« Heute werden Gorillas schlicht und einfach für Geld getötet. »Wildtierhändler und korrupte Beamte haben gelernt, wie sie die Gorillajagd für ihre eigenen Vorteil