EINS
Gerne würde ich dieses Buch mit den Worten beginnen: „Es war ein lauer Sommertag in München-Grünwald. Die Vögel zwitscherten munter in den Bäumen, und die Sonne schien warm vom wolkenlosen Himmel herab. Fröhlich hüpfte Charlotte Wagner in ihrem frisch geputzten Bad von der Personenwaage und reckte mit siegreicher Geste die Faust gen Zimmerdecke.“
Es wäre eine glatte Lüge. Leider. Zumindest ab „Fröhlich“. Ich muss es wissen, denn: Charlotte Wagner, das bin ich.
Fakt ist, dass ich die Zahlen auf der Waage gar nicht erkennen konnte. Busen und Bauch waren im Weg. „Ah! Schwanger!“, werden Sie jetzt denken, und ich weiß nicht, ob ich Sie dafür küssen oder erwürgen möchte. Ich bin fünfundfünfzig Jahre alt. Damals noch vierundfünfzig. Aber so prägnant ist der Unterschied nun auch wieder nicht. Fangen wir noch mal von vorne an. Diesmal ohne Flunkerei. Den Teil mit dem „lauen Sommertag“ kennen Sie ja schon.
Es war der Tag vor meinem fünfundfünfzigsten Jubiläum auf Erden. Ich stand also im Badezimmer, um zu duschen und versuchte, irgendetwas auf dem verdammten Kontrollgerät der Maßlosigkeit zu erkennen, dessen Grundfläche im Laufe der Jahre immer kleiner zu werden schien. Doch so sehr ich mich auch reckte, streckte und die Luft anhielt – mehr als den obersten Rand meiner Zehennägel bekam ich einfach nicht ins Blickfeld! Kurz überlegte ich, einen Handspiegel zu