: Jan Ilhan Kizilhan
: Das Lied der endlosen Trockenheit Ein Roman aus den kurdischen Bergen
: Europa Verlag GmbH& Co. KG
: 9783958901292
: 1
: CHF 12.60
:
: Historische Romane und Erzählungen
: German
: 304
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Der dreizehnjährige Rodi ist gerade einmal ein Jahr alt, als seine yezidische Familie aus seiner Heimat in den kurdischen Bergen fliehen muss. Da Rodis Vater seither verschollen ist, finden er und seine Mutter Unterschlupf bei Rodis tyrannischem Onkel, der in einem yezidisch kurdischen Dorf in der Türkei lebt. Dort lernt der Junge nicht nur die strikten Regeln seiner Religion in all ihrer Widersprüchlichkeit kennen, sondern erlebt auch hautnah die grausame Unterdrückung der Yeziden in mitten der islamischen Welt. In seinem fesselnden Roman entführt Jan Ilhan Kizilhan den Leser auf eine faszinierende Reise in die yezidische Kultur und gibt tiefe Einblicke in das Schicksal einer religiösen Gemeinschaft, die nicht erst seit dem Vormarsch des IS unter massiver Verfolgung, Diskriminierung und Ausgrenzung zu leiden hat. Der dreizehnjährige Rodi lebt mit seiner Mutter in einem kleinen kurdischen Dorf in der Türkei. Tagtäglich machen ihm die strikten Moralvorstellungen seines herrschsüchtigen Onkels zu schaffen, ein orthodoxer Yezide, der seinen Neffen mit harter Hand zu erziehen versucht. Aber auch die allgegenwärtige Unterdrückung der Yeziden durch den türkischen Offizier Ihsan Bey lastet schwer auf Rodis jungen Schultern. Doch die Freundschaft zu der alten yezidischen Erzählerin Hazal gibt Rodi Halt und lässt ihn immer wieder gegen die strengen Regeln der Ältesten aufbegehren. Als das Dorf von einer langen Dürre bedroht wird, taucht wie aus dem Nichts ein geheimnisvoller alter Mann auf.

Prof. Dr. Dr. Jan Ilhan Kizilhan stammt aus Kurdistan und gilt als international anerkannter Experte der Transkulturellen Psychiatrie und Traumatologie. Er ist Orientalist und Psychologe und leitet den Studiengang Psychische Erkrankungen und Sucht an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg.

»Wieso bist du denn so spät?«, fragte Rihan mit einer Schärfe in der Stimme, die mich an unsere Mutter erinnerte, wenn sie meckerte. Sie zog mich mit sich in den Holzschuppen und machte die Tür hinter uns zu. »Ich hab schon befürchtet, du würdest überhaupt nicht mehr kommen.«

»Ich dachte, der Offizier sei noch auf, und da wollte ich nichts riskieren«, sagte ich. »Heute ist es so dunkel, dass ich kaum etwas sehen konnte, und von da hinten aus ließ sich nicht mit Sicherheit sagen, ob das Licht noch an war oder nicht.«

»Wenn wir nicht ein bisschen vorsichtiger sind, ist sowieso gleich das ganze Haus wach«, sagte sie, aber die Schärfe war aus ihrer Stimme verschwunden, und ihr Zorn verzog sich rasch, jetzt, wo ich bei ihr war.

Rihan hatte einiges vorbereitet. Sie zündete eine Öllampe an, die sie auf dem Holzstapel befestigt hatte, und wickelte etwas aus einem Küchentuch aus. Sie machte mir Riesenschnitten zurecht aus richtigem Weißbrot vom Bäcker, das der Agha aus der Stadt für den Offizier Ihsan Bey mitgebracht hatte, zusammen mit feiner Rindswurst mit viel Knoblauch sowie Schafskäse, ausreichend für einen ganzen Winter. Sie selbst nahm sich auch eine Scheibe Brot und schlug ihre Zähne hinein. Sie hatte die kräftigsten und weißesten Zähne, die ich je bei einem Mädchen gesehen hatte.

»Heute habe ich einen schlimmen Tag gehabt«, sagte sie mit vollem Mund, »die ganze Zeit habe ich nur geputzt, geschrubbt und gewienert. Früh am Morgen ging es los, das ganze Haus musste von oben bis unten sauber gemacht werden – und dabei haben wir erst neulich, als der Offizier wegfuhr, alles blitzblank gewienert. Wenn ein Pascha höchstpersönlich zu Besuch gekommen wäre, hätte es wahrscheinlich keinen größeren Aufstand gegeben. Das ganze Theater für Türkan Hanim, und dabei ist sie …«

»Rihan«, unterbrach ich sie, »wenn du wüsstest, wer mich heute bearbeitet hat, dann würdest du …«

»Aber stell dir doch mal all diese Putzerei vor«, sagte sie protestierend und war jetzt, nachdem sie den Mund geleert hatte, nicht mehr bereit, mich zu Wort kommen zu lassen. »Und dabei verschwindet sie morgen schon wieder in aller Frühe.«

»Wer?«

Rihan lachte ungeduldig auf. »Türkan Hanim. Sie wollte ihren Vater nur besuchen – sie gehört zu den Vornehmen in Ankara. Morgen früh fährt sie mit einer Gruppe in Richtung Adana und dann zum Mittelmeer, wo ein Schiff auf sie wartet. Sie wollen auf verschiedenen Inseln Urlaub machen. Einen Monat lang wird sie fort sein. Und die ganze Putzerei für eine …«

»Jetzt sei doch mal still mit deiner Putzerei«, sagte ich. »Warte, bis du gehört hast, was mir heute passiert ist. Wir waren den ganzen Tag mit Lehmbriketts beschäftigt, und du kennst ja Teto, aber du machst dir keine Vorstellung, wie besessen der geschuftet hat, als wollte er sich umbringen – und unsere Mutter und mich dazu. Und bloß, weil wir nicht alle Lehmbriketts geschafft haben …«

»Wieso nicht?«, sagte Rihan. »Wenn ihr den ganzen Tag damit zugebracht habt, müsstet ihr doch eigentlich mit Leichtigkeit fertig geworden sein.«

»Wir mussten früher nach Hause. Wir hatten Besuch. Stell dir das mal vor: Er hat den Pir extra für mich kommen lassen. Du hast gut lachen, Rihan. Diese Fragerei, so was hast du noch nie erlebt. Die Geschichten um die Religion wollten kein Ende nehmen. Meine Knie waren fast durchgescheuert, als er schließlich aufhörte. Und dann das gewaltige Geschrei, das der Mann von sich gibt. Unsere Mutter hat geheult.«

»Sie hat es sicher genossen«, sagte Rihan. »Diese Frau ist doch nur glücklich und zufrieden, wenn sie heult.«

»DieseSicuk ist sagenhaft, ich glaube nicht, dass ich schon einmal so leckere Rindswurst gegessen habe«, sagte ich und stopfte mir ein Stück in den Mund. »Was meinst du, wie ist unser Vater wohl auf die Idee gekommen, ausgerechnet sie zu heiraten?«

»Wer weiß.«

»Also mir ist das rätselhaft.«

»Vielleicht war sie ja ganz anders, als