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CALL IM KABUFF
Festgesetzt und ausgelutscht
Maaama, wie lange schläft Papa noch?« Bis eben bildete das Gemurmel jenseits der angelehnten Zimmertür mit dem Klappern von Geschirr und Buntstiften, dem Knarzen der Treppe und dem Surren der Elektrozahnbürsten einen Geräuschteppich, der sich unauffällig unter meine Halbschlafträume legte. Nun hat meine Familie aber offenbar die Entscheidung getroffen, dass es reicht. Mit Inbrunst schreit meine Frau Anja von unten: »Lass ihn mal noch ein bisschen! Ich glaube, der ist gestern wieder spät ins Bett gegangen.« Ja, das ist er. Aber vielleicht will er deshalb auchWIRKLICH noch weiterschlafen! Warum kommt ihr nicht gleich mit dem Megafon rein und brüllt mir ein »Lass dich nicht stören!« ins Ohr? Ich habe noch nicht einmal das Bett verlassen und bin schon so genervt wie nach vier Stunden Videocall mit meiner Steuerberaterin.
Das Fenster in der Dachschräge ist nur einen Spaltbreit geöffnet, aber ich spüre, dass es draußen eiskalt geworden ist. Schon seit Tagen liegen die Temperaturen unter dem Gefrierpunkt, heute Nacht sind sie wohl noch weiter gefallen. Ich rappele mich auf und muss über mich selbst schmunzeln. Wo ist sie hin, meine Gelassenheit?
Beide Kinder sitzen schon an ihren Schreibtischen und haben mit dem Homeschooling begonnen. Dritte und fünfte Klasse, erstaunlich selbstständig, aber doch mit tausend Fragen. Bis mittags bin ich es, der versucht, Antworten darauf zu finden, so haben Anja und ich es vereinbart, um halbwegs organisiert durch den Lockdown zu kommen. Vormittags macht sie das Wohn- und Esszimmer zum Konferenzraum (was zu skurrilen Szenen führt, wenn wir anderen hinter ihr gebückt oder auf allen vieren zum Kühlschrank schleichen), nachmittags und abends arbeite ich an meinem Kram, wie gestern, meist bis spät in die Nacht hinein.
Ich weiß, dass es mir guttun würde, mehr draußen zu sein, gerade jetzt, aber es ist momentan nicht so einfach. Um dem ganzen Pandemiewahnsinn wenigstens etwas die Stirn zu bieten, habe ich eine alte Badewanne in unseren kleinen Garten gestellt und lege mich jeden Tag drei Minuten ins kalte Wasser. Heute klappt selbst das nicht. Nachdem ich mit den Kindern die anstehenden Aufgaben durchgegangen bin und mir den Bademantel übergeworfen habe, stehe ich vor der Draußenwanne und prügele wie blöd mit dem Vorschlaghammer auf das Eis ein, das sich darin gebildet hat. Gestern ging das doch noch! Irgendwann habe ich die dicke Schicht in einen riesigen Crushed-Ice-Haufen verwandelt. Aber da ist kein Wasser mehr, zumindest nicht genug, um sich hineinzulegen. Kurz versuche ich es und sitze auf dem Trockenen wie die Arche Noah nach der Sintflut. Also dreimal tief Luft holen, wieder nach drinnen und das Beste machen aus diesem Tag, der kaum holpriger hätte beginnen können.
Ist das alles eine biblische Prüfung? Die letzten Wochen haben schon schwer an unseren Kräften gezehrt. Erst wurde Anja positiv auf das Coronavirus getestet, dann ihre Eltern, die seit zwei Jahren schräg gegenüber wohnen. Zack, alle in Quarantäne, keinen Schritt mehr vom eigenen Grundstück runter. Klare, nachvollziehbare Vorgaben, die das Korsett, in dem sich unser selbstbestimmtes Leben – und natürlich nicht nur unseres – durch die Pandemielage ohnehin längst befand, noch weiter einschnürten. Nur für den Weg rüber zu Anjas Eltern setzten wir uns über diese Vorgaben hinweg, denn irgendjemand musste sich ja kümmern. Anjas Vater konnten aber weder wir noch die Ärzte retten. Er starb vor zwei Wochen auf der Intensivstation. Nur weil der behandelnde Arzt beide Augen zudrückte, durfte Anja ihn dort noch einmal kurz sehen. Die Kinder und ich waren aus unerfindlichen Gründen gesund geblieben, aber natürlich angeknockt vom Drama um uns herum. Mittlerweile ist die Quarantäne zwar aufgehoben, dafür wurde der Lockdown um eine Ausgangssperre zwischen21 und5 Uhr ergänzt. Wie gesagt, es ist nicht so einfach momentan.
Während ich stoisch zwischen den Schreibtischen der Kinder hin- und herrenne, Matheergebnisse durchsehe und Word-Funktionen erkläre, verliert sich mein Blick immer wieder in den kahlen Ästen der Bäume jenseits der Fensterscheiben. Ich weiß genau um die positive Wirkung der Natur für das Seelenheil, aber jetzt, wo ich schlichtweg nicht so raus kann oder darf, wie ich möchte, erscheint sie auf einmal als echter