1. KAPITEL
Das war er also. Natalies erster Tag als frisch gebackene Ärztin. Zwar nur als Assistenzärztin, aber immerhin. Hierfür hatte sie hart gearbeitet, entgegen allen Ratschlägen. Und sie hatte es geschafft. Was machte es schon, dass sie sechs Jahre älter war als andere Assistenzärzte? Das Wichtigste war, dass man ihr für sechs Monate eine Stelle auf der Kinderstation des St. Joseph’s Hospital angeboten hatte.
Kinderheilkunde war vermutlich der schwierigste Fachbereich, den sie sich hätte aussuchen können. Vor sechs Jahren hatte sie geglaubt, dass sie nie wieder imstande sein würde, eine Kinderstation zu betreten. Aber sie konnte und wollte es schaffen. Sechs Monate hier, sechs Monate in der Notaufnahme und danach wieder zurück zur Pädiatrie. Dann noch zwei weitere Ausbildungsjahre bis zur Facharztprüfung. Von da ab würde sie wirklich etwas bewegen. Vielleicht konnte sie anderen Eltern ersparen, dasselbe durchzumachen wie …
Nein, darüber wollte Natalie jetzt nicht nachdenken. Sie musste arbeiten.
Am Empfangstresen der Station stellte sie sich einer mütterlich wirkenden Krankenschwester in dunkelblauer Uniform vor. „Mir wurde gesagt, ich soll mich hier melden.“
Die Schwester begrüßte sie mit einem strahlenden Lächeln. „Hallo, Natalie. Herzlich willkommen. Ich bin Debbie Jacobs, die Stationsschwester. Als Sie zum Vorstellungsgespräch kamen, hatte ich gerade frei. Sie haben noch ein paar Minuten Zeit, bevor Lenox kommt. Also werde ich Ihnen schon mal alles zeigen.“
„Danke.“
Wenig später besaß Natalie einen Schlüssel zu ihrem Spind, kannte die Zimmeranordnung und hatte ihren ersten Kaffee auf Station getrunken. Außerdem war sie zehn Menschen vorgestellt worden, deren Namen sie sich unmöglich merken konnte. Dann begann die Visite, gemeinsam mit Lenox Curtis, dem Oberarzt.
Zunächst äußerte Natalie dabei nur zögernd ihre Meinung. Doch je häufiger sie richtig lag, desto selbstsicherer wurde sie. Zum Schluss gelang es ihr sogar, die besorgten Eltern eines sieben Monate alten Mädchens zu beruhigen, das mit Unterleibsschmerzen eingeliefert worden war.
„Maia neigte schon immer zu Koliken, aber das schien sich in letzter Zeit gebessert zu haben. Jetzt hat sie wieder angefangen, die Beine anzuziehen und minutenlang zu schreien.“ Die Mutter der Kleinen zitterte. „Seit gestern hat sie nichts mehr gegessen. Und dann habe ich dieses rote Zeug in ihrer Windel gesehen.“
„So ähnlich wie Johannisbeergelee?“, erkundigte sich Natalie.
„Ja.“
Behutsam untersuchte Natalie das Mädchen. Der Bauch des Babys war aufgebläht, und sie konnte eine wulstartige Verdickung in der Nähe des Nabels ertasten. Sobald sie vorsichtig darauf drückte, zog Maia erneut die Beine an und schrie.
„Schon gut, Süße.“ Liebevoll streichelte Natalie die Kleine, um sie zu besänftigen. Dabei bemerkte sie, dass die Fontanelle am Kopf ein wenig eingesunken war. Ein Zeichen für Flüssigkeitsmangel.
„Was hat sie?“, fragte Maias Vater.
„Man nennt es Invagination. Das ist eine Einstülpung des Darms, wodurch die Blutzufuhr abgeschnitten wird. Daher kommt es zu dieser geleeartigen Ausscheidung, einer Mischung aus Schleim und Blut. So etwas tritt bei kleinen Kindern häufiger auf“, erklärte Natalie. „Ich werde Maia gleich zum Ultraschall schicken, damit wir die Stelle genau lokalisieren können. Es tut nicht weh.“
Maias Vater wurde blass. „Muss sie operiert werden?“
„Hoffentlich nicht. Sie haben sie früh genug gebracht, sodass wir die Sache vielleicht durch Luft-Einleitung in den Darm wieder in Ordnung bringen können. Falls das nicht funktioniert, müssen wir operieren. Aber sie wird auf jeden Fall wieder völlig gesund.“ Natalie lächelte beide Eltern an. „Da Maia auch leicht dehydriert ist, lege ich ihr eine Infusion, um ihr Flüssigkeit zuzuführen. Damit sie sich ein bisschen wohler fühlt, werde ich ihr ein