: Dr. Sabine Neumann-Röder
: Kindheit, Künstler, Kommunisten Auch das war Teil der Wiener Nachkriegskultur
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: 9783991291930
: 1
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: Biographien, Autobiographien
: German
Dr. Sabine Neumann-Röder, geboren in Wien im Nachkriegsjahr 1946, Studium der Psychologie und Kunstgeschichte in Wien und Salzburg, beschreibt ihre Erinnerungen an ihr Leben als Kind und junge Erwachsene in einem nicht alltäglichen familiären und Freundes Umfeld in Wien der Nachkriegszeit. Dies ist keine Biographie der Autorin, Psychologin und Psychotherapeutin, es ist ein Bericht über Lebensverläufe von Freunden ihrer Familie, welche in dieser Zeit bei vielen Begegnungen erzählt und bleibende Erinnerungen wurden.

Dr. Sabine Neumann-Röder, geboren in Wien im Nachkriegsjahr 1946, Studium der Psychologie und Kunstgeschichte in Wien und Salzburg.

DER SEMPERHOF


SEMPERHOF, Wien 18, Semperstraße 58

Hätte meine Mutter gewusst, dass die Straße, in der sie wohnte, bevor sie 1894 nach dem Architekten Gottfried Semper5 benannt wurde, ursprünglich Leichenhof beziehungsweise Freithofstraße genannt wurde, wäre sie vielleicht nicht in den Semperhof gezogen.

Sie glaubte nämlich an Omen, besonders an unheilbringende, und hatte ein Faible für okkulte Erscheinungen. Sie war zum Beispiel überzeugt, dass einmal im Haus ihrer Freundin Annemarie in Bruck an der Mur ein Fürst Liechtenstein, mit seinem Kopf unter seinem Arm, an ihrem Bett erschienen war. Am nächsten Tag hätte man ihr erzählt, dass sich dieser Fürst in diesem Haus erhängt hatte.

Ob die Vormieterin, die sich in der Wohnung in der Semperstraße Top 3 ebenfalls erhängt hatte, auch in Erscheinung getreten war, weiß ich nicht. Vielleicht aber spukte sie nicht bei erklärten Anti-Nazis.

In der Nachbarwohnung wohnte Frau Hertzka. Sie war damals schon eine alte, durch Osteoporose sehr verkrümmte Frau. Ihre weißen Haare hatte sie zu einem Knoten gebunden und die nicht zu bändigenden Strähnen mit Kämmen festgesteckt. Sie trug stets lange Röcke und Blusen. Ihre Füße steckten, in Relation zu ihrer kleinen Gestalt, in überdimensional großen orthopädischen Schuhen. So schien es, dass dieses krumme, kleine Weiblein dank seiner riesigen Füße nicht umfallen konnte. Wenn sie für sich neue Schuhe anfertigen ließ, gab sie die alten unserer Haushälterin, die sie freudig entgegennahm. Ihrer Meinung nach zahlte es sich nicht mehr aus, eigene neue Schuhe zu kaufen. Frau Hertzka wohnte schon ewige Zeiten in dem Haus und kannte alle Mieter. Sie wusste, wer die Nazis waren und wer sich anständig verhielt. Sie war Witwe, ihr jüdischer Mann war gestorben, bevor die Verfolgungen begannen. Sie hatte einen Sohn, der 1941 als Arzt nach Pottendorf dienstverpflichtet wurde und der sie regelmäßig besuchte. Da war auch der fanatische Nazi im Parterre, der sich sofort nach dem „Umbruch“ erschoss.

Außerdem gab es den geheimnisvollen, stets sehr bescheidenen Mann, dessen Familie fast unsichtbar war und um den sich laut Frau Hertzka das Gerücht rankte, dass er mit der Regimentskasse durchgegangen war. Und da war die schon erwähnte Frau Holländer, die der Untergang des Dritten Reiches in den Selbstmord getrieben hatte.

Das waren die Hausparteien, mit denen Frau Hertzka keinen Kontakt pflegte.

Gegenüber den anderen war sie gnädiger gestimmt. Da war der jüdische Bankdirektor, der dank seiner arischen Frau den Krieg überlebte. Er und seine Frau waren immer zu zweit zu sehen. Als sie starb, ging er mit der Schwester der Verstorbenen, die ihr genaues Ebenbild war, eine Partnerschaft ein. Als auch diese verstarb, konvertierte er zum katholischen Glauben und wurde von einem sehr aufmerksamen Pfarrer betreut. Dieser wurde für seine Fürsorge durch reichliche Zuwendungen entlohnt, die sicherlich seiner Gemeinde zugutekamen, und die Kirche als Alleinerbe seines stattlichen Vermögens eingesetzt. Die restlichen Hausbewohner waren harmlos