2. KAPITEL
Der Montagmorgen im Büro war für Angela immer eine besonders schöne Zeit. Dann konnte sie ungestört die Vorfreude auf die kommende Arbeitswoche genießen. Warum die meisten Leute am Montagmorgen immer so müde und unwillig zur Arbeit gingen, war ihr ein Rätsel.
Noch bevor ihre Mitarbeiterin Bettina Fröhlich die Räume betrat, hatte sie sich schon die Kalendereintragungen für diese Woche angesehen. Vier Gerichtstermine, drei volle Besprechungsnachmittage, einige Telefonkonferenzen und zwei ablaufende Fristen – die sie allerdings längst gewahrt hatte, weil bei ihr nichts lange liegen blieb. Die Akten in ihrem Zimmer hatte sie bestens sortiert. Sicherlich gab es immer viel zu tun, aber die Arbeit ging ihr auch gut von der Hand. Dafür war sie auch gern bereit, die eine oder andere Überstunde in Kauf zu nehmen.
Ja, Angela hatte ihr Dezernat im Griff. Sie war stolz auf ihre gute Organisation. Beschwingt setzte sie sich an ihren Schreibtisch. Sie überflog kurz die Post, die sie aus dem Postfach geholt hatte.
Ach ja, die Sache Glasmeier, ein Schreiben des Gegenanwalts. Hässlicher Kampf um das Umgangsrecht, aber sie würde es schon schaffen, dass die beiden sich einigten. In Umgangssachen vermied sie unnötige Schärfen, da achtete sie nicht nur auf die Interessen ihrer Mandantin, sondern auch darauf, dass es den Kindern mit der Regelung möglichst gut ging. Manchmal musste sie dabei auch ihre Mandantinnen erziehen.
Die Sache Reuter. Komplizierte Unterhaltsregelung mit vier Kindern aus der ersten und zweiten Ehe. Wahrscheinlich blieb mal wieder nicht genug Geld für alle hungrigen Mäuler. Dann würde die Mandantin trotz der relativ kleinen Kinder wieder arbeiten oder Sozialleistungen in Anspruch nehmen müssen. Manchmal konnte Angela als Anwältin beim besten Willen nichts erreichen; schließlich konnte sie kein Geld herbeizaubern, wo es an allen Ecken und Enden fehlte.
Was war das? Eine Postkarte mit Palmen, einem traumhaften Strand und einigen Bambushütten. Wer hatte ihr die denn geschickt?
„Liebe Frau Speer! Mit dem Geld, das Sie für mich im Zugewinnausgleich herausgeholt haben, habe ich mir – zum ersten Mal in meinem Leben – einen Karibikurlaub gegönnt. Mit 56 Jahren! Hier ist es fantastisch. Ich fühle mich wie neugeboren. Vielen Dank für Ihre Hilfe, jetzt lasse ich es mir mal richtig gut gehen. Ihre Helga Rosenthal.“
Ja, das waren sie, die Sternstunden des Anwältinnendaseins. Karten wie diese waren der Grund, warum sie ihren Beruf so liebte. Es erfüllte sie mit Stolz, wenn sie für andere etwas herausholen konnte, womit es ihnen trotz Scheidung richtig gut ging. Der heutige Tag fing verheißungsvoll an. Zufrieden und vergnügt lehnte sie sich in ihren Schreibtischsessel zurück und freute sich auf die kommende Woche, die sie wieder mit vielen interessanten Rechtsfällen konfrontieren würde