TEIL 1 – Schlüsselkompetenzfeld 1: Das Gehirn verstehen
Die Gehirnforschung ist dasWarum des integrativen Emotionscoachings. Nach der Lektüre dieses Abschnitts verfügen Sie über ein wissenschaftlich basiertes und praxisbezogenes Wissen über das menschliche Gehirn und die für das Emotionscoaching entscheidenden neuronalen Prozesse.
Einer der Grundsätze im emTrace-Coaching lautet:Eine Blockade oder Ressource sitzt nie im Ereignis, sondern stets im Nervensystem. Das bedeutet: Weder die Vergangenheit noch die Zukunft sind real existent, sie existieren nur auf der Ebene des Nervensystems. Lediglich der jetzige Moment ist wirklich real und direkt sinnesspezifisch erfahrbar. Dennoch sind wir Menschen in der Lage, die Vergangenheit und ebenso die Zukunft „ins Jetzt zu holen“ und damit erfahrbar zu machen. Wir grübeln z. B. über vergangene Situationen oder machen uns Sorgen über die Zukunft. In solchen Momenten springen spezifische neuronale Netzwerke in unserem Gehirn an.
Vergangenheit und Zukunft sind letztlich nur Biochemie in unserem Kopf – aber mit realer Wirkung auf unseren Organismus: Auch bei einer nur mental vorgestellten Handlung werden nahezu die gleichen Hirnareale aktiviert, als wenn wir die Situation real erleben würden (Guillot et al., 2009). Die Wirkung gibt es auch auf emotionaler Ebene: Eine große Meta-Analyse mit 6.813 Probanden konnte zeigen, dass eine positive mentale Vorstellung über unsere Zukunft angenehme Emotionen fördert, während eine negative Vorstellung typischerweise Gefühle von Angst verstärkt (Schubert, Eloo, Scharfen,& Morina, 2020). In dieser Erkenntnis liegen Chance und Risiko zugleich. Im positiven Sinn bedeutet dies, wir können jederzeit auf unsere emotionalen Ressourcen zugreifen. Wir können uns an vergangene Momente des Stolzes, der Entspannung, Dankbarkeit oder Ehrfurcht erinnern und diese neuronal mit den dazugehörigen positiven Körperempfindungen (re)aktivieren. Andererseits kann uns dieses Phänomen aber auch das Leben schwermachen, indem wir wiederholt hinter uns liegende Niederlagen „wiederkäuen“ – sie immer wieder durchdenken, nacherleben und den damit verbundenen Stress spüren, obwohl das Ereignis selbst nicht mehr präsent ist. Solche Gedanken, Bilder und Gefühle lassen sich nicht einfach willentlich abstellen. Erwartet oder fordert man dies von einem Menschen, verschlimmert es die Lage, weil die Person zusätzlich das Gefühl entwickelt, dass sie falsch ist, dass mit ihr irgendetwas nicht stimmt.
Besonders dramatisch zeigt sich dies bei Menschen, die traumatische Situationen erlebt haben, wie z. B. Naturkatastrophen, Kriegserlebnisse oder schwere Unfälle. Die Bilder dieser Ereignisse drängen sich in Form sogenannter Intrusionen immer wieder auf. Die Betroffenen fühlen sich nicht in der Lage, dies zu kontrollieren oder zu stoppen. Eine Intrusion ist zunächst nichts anderes als der an sich gesunde Versuch des Gehirns, das Vergangene zu verarbeiten. Die überwältigende Erfahrung wurde in der traumatischen Situation zunächst emotional wie neuronal separiert, also abgespalten. Sie wurde sozusagen auf Wiedervorlage gelegt, um uns dann, wie bei einer digitalen To-do-Liste, immer wieder zu erinnern: „Hey, hier war noch was, das du erledigen musst.“ Nur gelingt das nicht so ohne Weiteres, weil die emotionale Ladung schlichtweg zu groß ist.
Es muss nicht immer ein großes Trauma sein. Viel häufiger machen uns die kleinen „Nadelstiche“ des sozialen Alltags zu schaffen, die auf die gleiche Weise im Nervensystem „stecken bleiben“ können – eine beiläufige, herabsetzende Äußerung des Chefs oder zum Beispiel eine „Überdosis“ an Kunden-Neins. Alles, was wir erleben, hinterlässt „Spuren“ in unserem Gehirn – und zwar in Form neuronaler Verbindungen. Der deutsch-kroatische Neurowissenschaftler und Psychologe Damir del Monte formuliert es so: „Die Architektur uns