2. Gespräch mit dem Bussard! Eine seltsame, ironische, Geschichte…
Die Sterne des nächtlichen Firmaments sind nicht mehr zu sehen. Das frühe, fahle Licht des Morgens mischt sich mit orangerotem, feurigem Licht. Darunter zieht sich kilometerweit der schwarze, kompakte Schatten des Waldes. Feuchtes Grasland dringt durch den Stoff meiner Jeanshose, durchnässt die Haut. Kühler Wind zaust meine nicht mehr ganz blonden Haare, die hinten im Nacken zu einem Zopf zusammengebunden sind, und fährt durch die Jeansjacke. Jetzt rächt es sich, das ich nur dieses kurzärmelige, dünne T-Shirt trage. Wenigstens an die wasserdichten Wanderschuhe habe ich gedacht.
Die Baumkolonie rückt näher. Schwarze Riesen mit knorrigen, gegen das Firmament gestreckten Armen, schälen sich heraus. Ich höre das Zwitschern der Vögel. Sonst nichts. Keinen Laut. Kein Mensch scheint hier unterwegs zu sein. Natürlich! Es ist ja auch noch sehr früh. Wem kommt schon um fünf Uhr morgens die Idee spazieren zu gehen? »Naturfotografen, die was sehen wollen.«
Ich betrete den schmalen, grauen Asphaltweg, der quer hinter den Wiesenhügeln am Wald vorbeiläuft und betrete die hölzernen Planken der Brücke. Das nächste Geräusch ist das Plätschern des Baches.
Vorsichtiges Tasten, raue Borke unter den Händen. Schritt in die Dunkelheit ohne Übergang.
Augen beginnen Umrisse zu sehen, Nase riecht, Zunge schmeckt, grasig, erdig, die Photosynthese.
Vögel schweigen jetzt, nur ab und zu ein leises Zirpen. Baumkronen rauschen. Zweige knacken, Pfoten tappen, Steinchen kullern.
Verdammt, warum bin ich bloß so lang und schmal. Das lässt mich schneller frieren, eine Gänsehaut läuft über meinen Körper, feuchte Blätter streifen mein Gesicht. Ob der Baum das auch so empfindet?
Hoch über den Baumkronen scheint es jetzt heller zu werden. Vereinzelte Sonnenstrahlen stehlen sich durch die Lücken und zaubern ein Muster das zwischen hellen und dunklen Flecken wechselt. »Eine Patchworkdecke aus Licht und Dunkelheit«, denke ich.
Es verspricht ein schöner Morgen zu werden. Ein Morgen wie gemacht für mich.
Ich hebe die Kamera, die um meinen Hals hängt, schaue hindurch, zoome vor und rückwärts, drehe an den Rädchen, um die Grundeinstellungen zu prüfen.
Da, ein rostbraunes Eichkätzchen läuft raschelnd durch das Laub und huscht den breiten Stamm einer Eiche empor. Klick, klick, klick!
Dort – auf dem knorrigen breiten Ast, zwischen den grün belaubten Zweigen, sitzt ein kleiner Gimpel, in rotschwarzem Federkleid. Es wirkt so, als trüge er einen schwarzen, offenen Mantel, mit schwarzer Kappe, und darunter ein leuchtend rotes Hemd. Klick! Klick!
»Jetzt«, denke ich, »fehlt nur noch, dass oben in der Baumkrone, gut sichtbar auf einem dicken Ast sitzend, ein Bussard nach seinem Frühstück Ausschau hält.«
Ein leichter Wind kommt auf, ein Rascheln fährt durch das Blätterdach des Waldes. Das Federkleid des Gimpels wird zerzaust. Er fliegt piepsend davon.
Ich schaudere zusammen. Es wird kühler, dunkler im Wald. Das Licht ist fahlgrau. Nebel scheint aufzukommen.
Verdammte Meteorologen, ein Sturm scheint aufzukommen. Das hatten sie doch gar nicht angesagt!
Platsch, platsch! Regentropfen auf meinem Kopf, meinem Hemd, meinen Wanderschuhen. Mein Blick fällt auf den Boden. Zwischen zwei Steinen hockt ein dicker Käfer, dessen glänzender Chitinpanzer von einem der dicken Tropfen