Statt Bundeswehr ins Kloster
Nach dem Ende der Schulzeit hatte ich ganz andere Probleme: Es drohte die Einberufung zur Bundeswehr. Für mich war klar, Dienst an der Waffe kam nicht infrage, ich musste den Wehrdienst verweigern. Das war Ende der 1970er-Jahre noch eher die Ausnahme und bedeutete einen regelrechten Spießrutenlauf, um die diversen Gewissensprüfungen zu bestehen. Möglicherweise verdankte ich meine Entschlossenheit einfach der Unerschrockenheit der Jugend, aber vor allem den abstoßenden Geschichten, die mir von den autoritären, hierarchischen Strukturen der Bundeswehr berichtet wurden: Vorgesetzte, die sinnlose Befehle gaben, nur um Untergebene zu demütigen, Ordnung und Disziplin um ihrer selbst willen. Für mich wäre das die Hölle gewesen, auch wenn ich weiß, dass Armeen leider immer noch notwendig sind.
Mein Vater hätte meinen Dienst in Uniform durchaus gerne gesehen. Das war nicht einer Faszination für das Militär, sondern der Überzeugung geschuldet, dass einem jungen Mann die Vermittlung von Disziplin und Ordnung gut zu Gesichte stünde, was rückblickend – selbstkritisch betrachtet – möglicherweise nicht falsch gewesen wäre. Allerdings verstand er meinen Standpunkt und machte sich daran, die seinerzeit erforderliche schriftliche Stellungnahme seitens der Eltern zu verfassen, in der er meinen Antrag auf Wehrdienstverweigerung argumentativ unterstützte. Das fiel ihm sicherlich schwer, aber er hat es gemacht.
Die an ein Kreuzverhör erinnernde Gewissensüberprüfung absolvierte ich ohne Angst. Selbst die gebräuchliche provokante Frage »Was würden Sie tun, wenn jemand vor Ihren Augen Ihre Mutter tödlich bedroht?« beantwortete ich souverän mit: »Wissen Sie, das kann ich mir so wenig vorstellen, dass ich das theoretisch nicht beantworten kann. Wenn ich in der Situation bin, werde ich mich entscheiden. Aber zum jetzigen Zeitpunkt kann ich es Ihnen nicht sagen.« »Ja, aber Sie müssen doch …!«, begann die Gegenseite zu insistieren, was ich mit »Nein, kann ich nicht« konterte. Was nun auch immer den Ausschlag gab, weiß ich nicht, aber ich wurde vom Wehrdienst befreit.
Die »Gewissensprüfung« zur Vermeidung der Bundeswehr hatte ich also erfolgreich bestanden, nun war die Frage: Wo mache ich meinen Zivildienst? Eigentlich fühlte ich mich ganz wohl in Dortmund, aber das war die Chance auf etwas mehr Selbstständigkeit, Unabhängigkeit und Freiheit. Eine andere Stadt, eigenes Zimmer, weg von den Eltern!
»Geh doch nach Köln oder Düsseldorf, da ist mehr los als im Ruhrgebiet«, meinten einige Freunde. Aber mich zog es weiter weg. Warum es nun München sein musste, weiß ich auch nicht ganz genau. Vielleicht war es das Image als »heimliche Hauptstadt« mit Charme und Boheme, Optimismus und Lebensfreude. In München lebten viele Künstler, vom Schlagerstar Jürgen Marcus über bekannte Schauspieler wie Senta Berger bis hin zu meinem Regie-Idol Rainer Werner Fassbinder. Fast alle großen Filme wurden durch die Bavaria Film GmbH produziert (Babelsberg war damals noch in den Händen der DEFA in der DDR) und selbst die Krimiserien im deutschen Fernsehen spielten meist in München (»Der Kommissar«, »Derrick« etc.).
Vor allem aber gab es das Oktoberfest! Nicht, dass ich auf das Bier aus war, was ja für die meisten das Wichtigste auf der Wiesn ist. Das lernte ich erst später zu schätzen. Schon als kleiner Junge hatten mich die Fahrgeschäfte fasziniert, die Atmosphäre des Rummels. Zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen zählten die Besuche auf der Cranger Kirmes in Wanne-Eickel, auch heute noch eine Institution. Mein Traum war schon damals, Sprecher bei der »Raupe« zu sein: »Zusteigen, Anteil nehmen, die nächste Fahrt rückwärts!« Das habe ich nie geschafft, aber Fernsehmoderator geht ja ein wenig in die Richtung: Ich spreche in ein Mikrofon, die Leute hören zu und haben hoffentlich Spaß.
Wenn eine Stadt das größte Volksfest der Welt auf die Beine stellt, kann dort zu leben ja auch nicht ganz schlecht sein. Klingt aus heutiger Sicht etwas naiv, aber so war mein Gefühl und manchmal sollte man Gefühlen einfach vertrauen. Also ließ ich mir vom Zivildienstamt Adressen für mögliche Stellen in München schicken. Von dieser Liste wollte ich mir zwei genauer ansehen, und das hieß: Auf nach München!
Dort musste ich erst mal ein günstiges Zimmer zum Übernachten bekommen. Im Internet nachschauen, Zimmer in Citylage, möglichst günstig, das ging damals leider noch nicht. Manchmal frage ich mich, wie ich vor den Zeiten des Internets überhaupt Hotels und Urlaube gebucht habe. Es gab eigentlich nur eine Möglichkeit: Ich griff zum Telefon.
»Grüß Gott, Fremdenverkehrsamt München! Wie kann ich Ihnen helfen?« Die freundliche Dame mit leicht bayerischem Akzent weiß wohl bis heute nicht, dass sie mich in meinem Entschluss für München sehr bestärkt hat. Das war doch etwas anderes als ein eher ruppiges »Verkehrsamt Bottrop, was gibts?«. Nicht falsch verstehen, ich weiß als Dortmunder die nüchterne, direkte Sprechweise in NRW durchaus zu schätzen. Und dass sie nicht immer unfreundlich gemeint ist, versteht sich auch. Aber beim Münchener Akzent ging für mich irgendwie verbal die Sonne auf, in einigen anderen Teilen Deutschlands versteckt sie sich dagegen eher in Nebelschwaden und man muss sie erst suchen.
Der Zivildienst war dazu gedacht, der Gesellschaft etwas zu geben. Aber irgendetwas sollte mir das