FLUCHT AUS OSTPREUßEN
„Ja, genau. Denn bis vor kurzem habe ich nicht gewusst, ob sie überhaupt noch leben. Wir sind seinerzeit aus Gumbinnen geflohen und haben uns auf den Weg nach Pillau gemacht, wo die Schiffe Flüchtlinge aufnahmen und in den Westen brachten. Wir wollten alle gemeinsam mit einem Fischdampfer fahren, als es plötzlich hieß, das Schiff könne nicht alle Personen aufnehmen. Wir hatten uns ursprünglich vorgenommen, gemeinsam mit dem Schiff, es hießStargard, in den Westen zu fliehen. Als es Schwierigkeiten gab, entschieden wir, dass notfalls meine Frau mit zwei kleinen Kindern – wir hatten vier Kinder bei uns – das Schiff nimmt und ich mit den beiden anderen nachkomme. Und so kam es: Wir hatten keine andere Wahl, denn es durften nicht mehr als drei Personen einer Familie das Schiff besteigen, das wohl nach Dänemark auslaufen sollte. Ob es da aber angekommen ist, weiß ich bis heute nicht.“
Baran legte eine Pause ein und nahm erneut einen Schluck Wasser. Seine Erregung durch die Erzählung von der Flucht war deutlich zu spüren. Rehwald setzte die Befragung fort: „Wieso kommen Sie denn nun nach über 20 Jahren auf die Idee, Ihre Angehörigen zu suchen?“ Die Stimme klang ruhig und verständnisvoll, denn die Betroffenheit seines Gegenübers war ihm nicht entgangen.
Baran nahm das Glas in beide Hände und drehte es nervös auf dem Tisch: „Vor einigen Wochen machte mich mein Sohn, der in Westberlin wohnt, darauf aufmerksam, dass die Suchdienste des Roten Kreuzes der Bundesrepublik und der DDR eine neue gemeinsame Initiative gestartet hätten, um Familien und Verwandte, die als vermisst gelten, noch einmal zu registrieren. Mein Sohn hatte sich bereits damit abgefunden, seinen Zwillingsbruder nicht mehr zu sehen, zumal er den nie gekannt hat. Mich hat der Gedanke aber nie losgelassen zu prüfen, ob meine Frau und unser zweiter Sohn bei der Flucht ums Leben gekommen sind oder vielleicht noch hier leben.“
Rehwald, der nach dem Krieg ebenfalls mit seiner Familie geflüchtet war, entwickelte Verständnis für Barans Problem und fragte: „Wieso kommen Sie denn auf die Idee, hier im Osten Berlins zu suchen, wenn die drei Personen doch nach Westen gefahren sind?“
Baran erklärte: „Wir hatten vor unserer Trennung vereinbart, dass wir nach Berlin flüchten wollten. Dabei hatten wir Berlin-Treptow als Ziel ins Auge gefasst, ohne uns allerdings genau festzulegen. Ich habe dann nach 1945 versucht, etwas zu klären, aber bin völlig ohne Ergebnis geblieben.“
„Und warum sind Sie dann nicht in den Ostteil der Stadt, die heute Hauptstadt der DDR i