Großes Ehrenwort
Herr Bertold, unser Chemielehrer, stellt eine große Schüssel vor sich auf den Tisch. Seine Stimme dringt eintönig wie das Summen einer Hummel durch die Klasse. Es ist die sechste Schulstunde. Kein Wunder, dass mich die Müdigkeit überfällt. Meine Lider werden schwer wie Blei und sinken immer tiefer. Nur mit Anstrengung gelingt es mir, sie wieder aufzureißen.
Ich blinzele zur Seite. Meiner Freundin Heike, die neben mir sitzt, ergeht es ebenso. Mit Mühe unterdrückt sie ein Gähnen. Alle fünfundzwanzig Schüler und Schülerinnen der 7a hängen träge, wie nasse Waschlappen an der Leine, auf ihren Stühlen und kämpfen gegen die Schlafkrankheit. Alle – außer einem. Nur mein Vetter Bastian macht einen frischen, munteren Eindruck. Er scheint der einzige zu sein, der überhaupt zuhört.
Ich finde, die sechste Stunde ist total überflüssig. Sie könnte genauso gut vom Stundenplan gestrichen werden, weil um diese Zeit sowieso kein Schüler mehr in der Lage ist, sich etwas zu merken.
Plötzlich muss ich laut gähnen. Erschrocken halte ich die Hand vor meinen weit aufgerissenen Mund. Aber Herr Bertold ist bereits aufmerksam geworden.
„Aha, Sabine Rehder langweilt sich. Hier können wir rasch Abhilfe schaffen. Sabine, wiederhole doch mal, was ich eben über Natrium erzählt habe.“
Ich klappe meinen Mund zu. Mist, nun sitze ich in der Klemme. Die Stimme von Herrn Bertold ist zwar die ganze Zeit über wie ein murmelnder Bach an meinen Ohren vorbeigeplätschert, aber ich habe gar nicht registriert, worüber er gesprochen hat. In Gedanken saß ich bereits in Heikos kleiner Jolle und segelte zum Bananensand.
Hinter meinem Rücken flüstert mir Bastian etwas zu. Zwar ist mein Vetter manchmal unausstehlich und bildet sich eine Menge ein, weil er Klassenbester ist, aber hilfsbereit ist er, das muss ich ihm lassen. Ich bin froh, dass er hinter mir sitzt, und wiederhole laut seine Worte.
„Natrium ist ein silberweißes, leichtes Metall. Wie alle Metalle ist es ein guter Leiter für Wärme und Elektrizität.“
„Richtig.“ Herr Bertold macht ein verwundertes Gesicht. „Du hast ja doch nicht geschlafen. Wie heißt das chemische Zeichen für Natrium?“
Ich stelle meine Ohren auf Empfang und lausche angestrengt hinter mich. Aber die Silben, die Bastian mir zuraunt, sind so leise, dass ich sie nicht verstehen kann.
„Na“, stottere ich, um Zeit zu gewinnen.
Zu meinem größten Erstaunen ruft Herr Bertold: „Richtig. Das chemische Zeichen für Natrium ist Na. Ganz einfach. Heike, fahr du mal fort. Was weißt du über Kalium?“
„Kalium, Kalium“, wiederholt Heike und wirft mir einen hilfesuchenden Blick zu. Ich zucke bedauernd die Schultern.
Bastian muss wieder helfend einspringen. Welch ein Glück, dass er hinter uns sitzt.
„Kalium ist ebenfalls ein Leichtmetall“, plappert Heike seine rasch geflüsterten Worte nach. „Es oxydiert an der Luft.“„Richtig. Deshalb bewahren wir es ebenfalls in Petroleum auf.“ Herr Bertold zeigt auf den Glasbehälter hinter sich im Schrank. „Aber was geschieht nun, wenn es mit Wasser in Berührung kommt? Um das festzustellen, wer den wir zum Abschluss der Stunde noch einen Versuch machen. Wer möchte dabei helfen?“
Nun werden plötzlich alle munter. Ein Versuch ist interessanter als ein langweiliger, einschläfernder Vortrag über Leichtmetalle. Fast alle Finger schnellen in die Höhe.
„Bastian, komm du mal!“
Mein langaufgeschossener Vetter mit den kurzen Stoppelhaaren und den abstehenden Ohren schnellt in die Höhe und schlendert nach vorn.
Der Chemielehrer deutet auf die Schüssel vor ihm auf dem Tisch. „Du kannst schon mal Wasser hineinfüllen, Bastian.“
Herr Bertold holt ein Schutzgitter aus Plexiglas hervor und stellt es um die Schüssel.
„Oh ha, es wird gefährlich“, albere ich und rücke näher an meine Freundin.
Heike lässt sich von meinen Worten nicht beeindrucken. In aller Seelenruhe kramt sie einen Apfel aus ihrer Schultasche und beißt krachend hinein.
„Willst du auch einen?“, wispert sie mir zu. „Schmecken super. Frisch geerntet von unserer Obstplantage.“
„Jetzt nicht“, wehre ich ihr Angebot dankend ab.
Meine Aufmerksamkeit wird erneut gefesselt.
Herr Bertold öffnet den Glasschrank, in dem all die chemischen Grundstoffe für Versuche aufbewahrt werden und der immer sorgfältig abgeschlossen ist.
Mit einer Pinzette nimmt er ein winziges Stück Kalium, nicht größer als eine Erbse, aus dem Glasbehälter und reicht es Bastian.
Bastian betastet das Klümpchen vorsichtig. „Fühlt sich an wie weicher Käse“, meint er.
„Stinkt es auch so?“, kichere ich vorwitzig.
Bastian wirft mir einen missbilligenden Blick zu. „Quatsch, es ist geruchlos.“
„Was passiert wohl, wenn ich das Stückchen Kalium in die Wasserschüssel werfe?“, fragt Herr Bertold und sieht uns gespannt an.
„Es geht unter“, rufe ich.
„Nein, es schwimmt, weil es so leicht ist“, meint Günther.
Es löst sich auf“, behauptet Heike.
„Es entzündet sich“, sagt Bastian mit gelangweilter Miene.
„Wir werden gleich sehen, wer recht hat. Bastian, geh sicherheitshalber etwas zurück.“ Herr Bertold setzt eine Schutzbrille auf und nimmt das Stückchen Kalium aus Bastians Hand.
Gerade in dem Augenblick, als er es in die Wasserschüssel werfen will und wir uns bereits gespannt vorbeugen, um zu sehen, was nun passiert, knackt es im Lautsprecher, und die leiernde Stimme von Fräulein Schwarze aus dem Sekretariat ertönt. „Herr Bertold, bitte zum Telefon. Herr Bertold, bitte zum Telefon.“
Herr Bertold hält inne, legt das Stückchen Kalium in den Glasbehälter zurück, nimmt die Schutzbrille ab und eilt zur Tür.
„Verhaltet euch ruhig“, mahnt er, „ich bin gleich zu rück.“
Kaum fällt die Tür hinter ihm ins Schloss, da springen wir von unseren Stühlen auf und eilen nach vorn zu Bastian. „Es wird bald klingeln“, sagt Heikeund beißt erneut in ihren Apfel, „der Versuch muss auf die nächste Chemiestunde verschoben werden.“
„Schade“, bedauere ich, „ich hätte zu gern gewusst, was passiert, wenn dieses silberweiße Stückchen mit Wasser in Berührung kommt.“
„Ich höre wohl nicht recht, Sabine.“ Bastian verzieht spöttisch den Mund. „Auf einmal interessierst du dich für Chemie? Vorhin bist du beinahe eingepennt.“
Ich überhöre die Anspielung großzügig.
„Wir können den Versuch ja auch ohne Herrn Bertold machen“, ruft Günther. „Es ist ja alles vorbereitet.“
„Das dürfen wir nicht“, wehrt Bastian energisch ab. „Außerdem hat er das Zeug wieder eingeschlossen.“
„Aber der Schlüssel steckt.“ Triumphierend öffnet Günther die Schranktür. Er fährt mit der Pinzette in den Glasbehälter und holt ein Stückchen von der silberweißen Masse heraus.
Bastian tritt ihm in den Weg. „Leg das sofort wieder in den Behälter, Günther!“ sagt er drohend. „In Abwesenheit des Lehrers dürfen wir nicht an den Schrank gehen, das weißt du ganz genau. Es ist zu gefährlich.“
„Ach, sei ruhig, du Klugscheißer“, ruft Günther übermütig. „Was soll denn an dem kleinen Stückchen gefährlich sein? Wenn wir weit genug von der Schüssel wegbleiben, kann nichts passieren. Geht in Deckung!“
„Mensch, du hast viel zu viel von dem Zeug genommen“, warnt Bastian erschrocken. „Herr Bertold hatte ein viel kleineres Stück, nicht mal so groß wie eine Erbse.“
Bastian greift nach Günthers Hand, um ihm die Pinzette mit dem silberweißen Kügelchen zu entreißen. Aber Günther windet sich los, und bevor Bastian es verhindern kann, wirft er den Klumpen in die Schüssel. Das Wasser spritzt auf.
Plötzlich ist es in der Klasse totenstill. Unwillkürlich weichen wir alle zwei Schritte zurück und halten den Atem vor Spannung an. Was wird jetzt passieren?
Der Klumpen wird zusehends kleiner. Er schmilzt zu einem Kügelchen zusammen.
„Seht ihr wohl“, prahlt Günther und blickt herausfordernd in die Runde. „Es passiert überhaupt nichts.“
Kaum hat er das ausgesprochen, da wird die Kugel lebendig. Sie schießt wie eine Rakete auf der Wasseroberfläche umher, verliert ihre weiße Farbe und leuchtet plötzlich rotviolett. Sekunden später explodiert die leuchtende Kugel.
Erschrocken blicken wir in die Höhe. An der weißen Zimmerdecke kleben jetzt eine Menge hässliche, schwarze Flecken.
Im selben Moment reißt...