Su, die Nervensäge
Es klingelt an der Haustür.
Ich halte mit Schreiben inne und lausche angespannt. Unten rührt sich nichts. Da fällt mir ein, dass Mama vor einer halben Stunde nach nebenan zu Tante Almut gegangen ist, um ihr im Café beim Bedienen der Gäste zu helfen.
Es klingelt erneut.
„Su, mach mal auf!“, rufe ich.
„Warum ich?“, schallt es aus dem Zimmer meiner kleinen Schwester zurück. „Hast du keine Beine? Mach doch selbst auf, Sabine.“
Su kann manchmal dickfelliger als ein Elefant sein. Ärgerlich werfe ich den Füller auf den Schreibtisch und laufe selbst die Treppe hinunter. Sicher ist es Flo, der mit Su spielen will. Mit einem energischen Ruck reiße ich die Tür auf. Aber ich habe mich getäuscht. Nicht der kleine Flo steht vor mir, sondern ein fremder Mann. Alles an ihm ist rundlich, der Bauch, über dem sich eine blaue Latzhose spannt, das Gesicht, aus dem die Nase wie ein Tennisball herausschaut. Nur die schmalen, listig blinzelnden Augen passen so gar nicht zu seinem übrigen Äußeren.
„Tag“, grüßt Knollennase, wie ich ihn insgeheim getauft habe, und tippt an den Schirm seiner blauen Mütze, „ich komme von der Post und muss das Telefon prüfen.“
„Unser Telefon ist doch gar nicht kaputt“, antworte ich erstaunt. Jedenfalls hat Mama mir nichts davon gesagt. „In der Nähe war die Telefonleitung gestört“, erklärt der Dicke, „ich muss prüfen, ob der Anschluss in Ordnung ist.“ Ich spähe an ihm vorbei zur Straße. Hinter unserer Ligusterhecke parkt ein grauer Lkw.
„Mmh“, brumme ich unschlüssig und trete beiseite, damit er herein kann, „unser Telefon steht dort im Flur auf dem Schränkchen.“
Als ich aufschaue, beugt sich Su gerade neugierig über das Treppengeländer. Ihre dünnen, rotblonden Zöpfe baumeln ihr vor der Nase herum. Su ist acht Jahre alt und hat eine Vorliebe dafür, hinter mir her zu spionieren, damit ihr ja nichts von dem entgeht, was ich treibe. Mit anderen Worten, sie ist manchmal eine richtige Nervensäge.
„Hier gibt's nichts zu sehen“, rufe ich ihr zu, „mach deine Schularbeiten.“
„Bäh!“ Su streckt mir die Zunge heraus und bleibt hartnäckig auf ihrem Beobachtungsposten.
„Sind Sie von der Post?“, fragt sie den Mann überflüssigerweise.
„ Ja.“
„Sind in Diekhusen alle Telefone kaputt?“, bohrt sie weiter.
„Nein. Wir haben in der Nähe eine Störung beseitigt, und ich prüfe jetzt, ob euer Apparat in Ordnung ist.“
„Nun? Ist unser Telefon okay?“
„Mmh“, brummt der Dicke einsilbig. Su geht ihm sichtlich auf die Nerven mit ihrer Fragerei, was ich gut verstehen kann.
Er hebt den Hörer ab, horcht kurz hinein und beginnt zu wählen.
„Wen rufen Sie jetzt an?“, will Su wissen.
„Meinen Kollegen von der Entstörungsstelle. „Hallo, Fritz? Ja, ich bin's. Hier ist alles okay. Das war der letzte Anschluss in Diekhusen. Tschüss.“
Er legt den Hörer auf die Gabel zurück.
„Der letzte stimmt nicht“, berichtigt Su ihn von der Treppe her, „der letzte Anschluss von Diekhusen ist in Haus Nummer 9. Das ist das Café nebenan.“
„Da war mein Kollege schon“, brummt Knollennase sichtlich gereizt. „Tschüs.“
Er steckt die Hände in die Taschen seiner Latzhose. Dabei fällt ihm ein Schraubenzieher heraus, der über die Fliesen bis vor unsere angelehnte Wohnzimmertür rollt. Als sich der Dicke hastig danach bückt, stößt er mit dem Kopf gegen die Tür. Sie springt auf, und eine Weile starrt der Mann neugierig ins Zimmer.
„Haben Sie sich weh getan?“, erkundigt sich Su teilnahmsvoll und hüpft einige Treppenstufen hinunter.
„Wie? Nein.“ Er reibt sich die Stirn. „Hübsche Möbel habt ihr.“
Ich zucke die Schultern. Ob unsere Wohnzimmermöbel hübsch sind oder nicht, darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht.
„Allerdings habt ihr moderne Möbel. Ich schwärme mehr für antike Sachen“, fährt Knollennase plötzlich ganz geschwätzig fort, „aber alte Möbel sind natürlich sehr selten und deshalb leider auch sehr teuer. Es gibt kaum noch Leute, die wirklich wertvolle Stücke besitzen. Oder kennt ihr zufällig jemand in der Nähe?“
„Antike Möbel?“ Su runzelt die Stirn. „Meinen Sie so alte, verschnörkelte Truhen und Schränke von früher?“ „Genau.“
Der Dicke sieht sie erwartungsvoll an.
„Meyers von der alten Mühle haben so eine alte Truhe in der Diele stehen“, plappert Su unbekümmert drauflos: „FrauMeyer hat mir mal erzählt, dass die noch von ihren Urgroßeltern ist.“
Die Augen des Mannes blitzen überrascht auf.
„Dann ist die Truhe bestimmt sehr wertvoll. Gibt es noch mehr Leute in der Gegend, die so alte Möbel haben?“
Mir kommt es vor, als ob er Su dabei lauernd ansieht. Genauso guckt unser Kater Bandit, wenn er eine Maus erspäht hat und sie fangen will.
„Hm.“ Su überlegt angestrengt. „Die Bauern vielleicht.
Und Hansens natürlich, die haben noch einen uralten Schreibtisch und so eine komische Standuhr und einen Plattenspieler, der ganz schaurig quietscht.“
„Meine Schwester meint ein Trichtergrammophon“, erkläre ich.
„Sag' ich doch“, brummt Su, „Hansens wohnen auf dem Bananensand. Das ist die Insel, die vor Diekhusen, mitten im Fluss liegt. Ohne Boot können Sie da nicht hin.“
Plötzlich hat es Knollennase eilig. Er verabschiedet sich überstürzt, hastet über den Plattenweg zu dem grauen Lkw und fährt davon.
„Was ist nur auf einmal in den gefahren, dass er wie vom Affen gebissen wegrennt?“ Verblüfft blicke ich Su an, die neben mir an der Haustür auftaucht.
„Ein komischer Typ“, wundert sich meine kleine Schwester. „Erst will er wissen, wer hier in der Nähe noch alte Möbel von früher hat, und dann rast er wie der Blitz davon.“
„Eigentlich hättest du dich von einem Fremden nicht so ausfragen lassen sollen.“ Ich mache ein bedenkliches Gesicht.
„Ach“, empört sich Su, „und wieso hast du ihn ins Haus gelassen?“ „Weil er nachsehen wollte, ob unser Telefon okay ist.“
„Da kann ja jeder kommen und sagen, er sei von der Post. Hat er dir seinen Ausweis gezeigt?“
Ich schüttele den Kopf. Daran habe ich gar nicht gedacht. Ob ich will oder nicht, ich muss Su recht geben. Es war wirklich leichtsinnig von mir, einen Fremden hereinzulassen.
„Jetzt bist du geschockt, was, Sabine?“, ruft Su schnippisch. „Passt selbst nicht auf, aber mir willst du Vorwürfe machen. Typisch ältere Schwester.“ Mit hocherhobenem Kopf stolziert sie wie eine Königin die Treppe hinauf.
Ärgerlich will ich die Haustür zuknallen. Da lässt mich ein lautes Maunzen innehalten. Bandit zwängt sich durch die Hecke und eilt schnurstracks auf mich zu. Bandit ist unser Kater. Pechschwarz, bis auf die Pfoten. Die sind schneeweiß, wenn er sie gerade geputzt hat.
Neben meiner Schwester Susanne und mir gehören noch Florian, den wir immer Flo nennen, weil er für seine zehn Jahre etwas klein geraten ist, mein Vetter Bastian, der nebenan in Haus Nummer 9 wohnt, und die Geschwister Heike und Heiko, die auf einer Insel leben, zu uns Acht vom großen Fluss. Und natürlich Heikes Goldhamster Husch und unser Kater Bandit. Bandit hat wie alle Katzen seinen eigenen Kopf. Wenn er keine Lust hat, mit uns zu kommen, kann nicht einmal ich ihn dazu überreden.
„Hallo, Bandit.“ Ich kraule ihn rasch unter dem Kinn, als er mit hocherhobenem Schwanz an mir vorbei stolziert, geradewegs in die Küche hinein. Hoffnungsvoll späht er in seinen Napf und beschnuppert die wenigen Katzenkekse, die er sich von seinem Mittagsmahl aufbewahrt hat. Er lässt sich vor dem Teller nieder, verspeist die Kekse genüsslich und taucht dann seine kleine rosa Zunge einige Male in den Wassernapf. Zufrieden folgt er mir die Treppe hinauf.
„Bandit, komm zu mir.“ Su will ihn unbedingt in ihr Zimmer locken.
Aber Bandit entscheidet sich zu Sus Ärger und zu meiner Freude für mich. Mit der Pfote drückt er die nur angelehnte Tür auf, schlängelt sich durch den schmalen Spalt, springt mit einem Satz auf mein Bett und rollt sich behaglich auf der Decke zusammen. Missmutig nehme ich wieder an meinem Schreibtisch Platz, um mich mit unregelmäßigen englischen Verben herumzuplagen.
„Du hast es gut.“
Es klingelt erneut an der Haustür. Hoffentlich ist es nicht wieder der Dicke von der Post!
„Diesmal machst du aber auf“, rufe ich energisch zu Su hinüber.
„Alte Meckerziege“, kräht Su angriffslustig zurück. Aber sie geht...