29. November
Wenn ich mir den Baum jetzt ansah, fand sogar ich ihn abartig.
»Weihnachtsbäume müssen den Boden berühren, Cleya«, hatte meine Cousine gesagt, bevor ein Blick meiner Tante sie zum Schweigen gebracht hatte. Noch genoss ich eine Art Welpenschutz, was paradox war, denn meine Cousine war zehn Jahre jünger als ich. Aber wenn es bedeutete, dass ich mich nicht für Weihnachtsdekorationen, die ich aufhängte, rechtfertigen musste, nahm ich auch das in Kauf. War ja nicht so, als wäre der Rest der Gartenausstattung weniger kitschig. Trotzdem, die Kleine hatte recht. Weihnachtsbäume mussten den Boden berühren – etwas, was das Konstrukt vor mir nicht tat. Ich nahm die Hände vor den Mund und atmete verstärkt aus. Finger auftauen.
Hinter mir knackste etwas, und ich wirbelte herum. Die Augen zusammengekniffen, sah ich mich im Garten meiner Tante um. Alles wie immer. Ich schüttelte den Kopf und konzentrierte mich wieder auf die Baumproblematik vor mir. Im November die Weihnachtsdeko im Garten aufzubauen, war übertrieben. Vollkommen übertrieben, genau wie der Kram selbst. Aber nein, hier in Winterville war man Ende November spät dran. Leider wahr.
Wieder knirschte es hinter mir, und diesmal machte ich ein paar Schritte durch den Schnee, um die Ursache ausfindig zu machen. Nicht viel zu erkennen. Abgesehen von den weißen, blauen, roten, grünen und gelben Lichtern der Nachbargärten. Ich hielt den Atem an und bewegte mich nicht. Stille. Wahrscheinlich wurde ich langsam, aber sicher verrückt. In diesem Kaff kein Wunder. Winterville. Dämlicher Name, dämliche Leute und dämliche Jahreszeit. Ich machte einen Schritt auf den hängenden Baum zu und sank einige Zentimeter tiefer ein als erwartet. Scheißkalt! Wer hatte sich den Winter überhaupt ausgedacht? Und Weihnachten! Und überhaupt! Ich hüpfte auf einem Bein weiter und versuchte, den Schnee aus meinem anderen Schuh zu schütteln. Mit mäßigem Erfolg. Nach diesem Versuch lachte jemand hinter mir.
»Mick, geh wieder ins Bett«, fuhr ich meinen Cousin an.
Wieder ein Lachen.
»Es ist fast elf, du gehörst ins Bett!«
»Du gehörst ins Bett«, echote es hinter mir, und einmal mehr wechselte ich die Richtung. Ich erwartete, meinen dreizehnjährigen Cousin zu sehen, der sich amüsierte, wann immer ich mit diversen Dekoelementen hantierte. Was ich nicht erwartete, war ein rot gekleideter Fremder, der gerade versuchte, in unseren Schornstein zu krabbeln. Was zur Hölle? Die obere Körperhälfte war beinahe im Kamin verschwunden, die untere zappelte etwas haltlos in der Luft herum. Trotz dieser misslichen und wenig einschüchternden Lage ahmte mich der Einbrecher nach. Haha. Wahnsinnig witzig.
Ich straffte die Schultern. »Hey!«, rief ich. Trotz allem war er immer noch ein Fremder, der sich Zutritt zum Haus verschaffen wollte. »Was soll das?«
Sofort zog er seine obere Körperhälfte aus dem Schornstein.
»Man kriecht nicht in fremde Schornsteine!« Keine Ahnung, woher ich den Mut nahm, so mit ihm zu sprechen. Vielleicht aufgrund der Tatsache, dass er einige Meter über mir stand, vielleicht aber auch aus dem Fakt, dass ich nur kreischen musste, um Leute zu alarmieren. Der einzige Vorteil Wintervilles: Handys waren völlig überflüssig. Wenn man ein Gespräch führen musste, öffnete man nur das Fenster und rief laut. Der oder die Angesprochene würde es schon mitbekommen und zurückplärren. Nicht, dass meine Tante diese Vorgehensweise gut gefunden hatte. Wahr war es trotzdem. Wirkliche Verbrechen konnte es bei dieser Nachbarschaftsclique nicht geben, ohne dass es jemand mitbekam.
»Nicht?«, fragte der Einbrecher, eindeutig männlich.
Nicht. Definitiv nicht. »Dreh dich langsam zu mir um«, befahl ich. »Ich bin bewaffnet.« Schnell bückte ich mich und nahm mir eine Handvoll Schnee. Zu kalt.
»Okay, okay, ich bin ganz harml…«, setzte der Fremde an, ohne sich zu bewegen. Zumindest ohne sich für mich sichtbar zu