Die Hilflosigkeit der Opfer
So mancher fragt sich, warum Opfer von Gewalt sich keine Hilfe suchen oder ihren Partner einfach verlassen. Eine gute Frage, die aus Sicht eines normal selbstbewussten und unabhängigen Menschen kaum zu beantworten ist. Begibt man sich jedoch einmal in die Rolle der Opfer, wird man verstehen, dass sich diese in den meisten Fällen in einer ausweglosen Situation befinden.
Während meiner Recherchen zu diesem Buch und nach der Veröffentlichung meiner Biografie „Sand in ihren Schuhen” habe ich mit vielen Frauen gesprochen. Und das Ergebnis war immer wieder, dass der Partner ein solches Netz an Abhängigkeiten gewoben hatte, dass es unmöglich war, ihn zu verlassen.
Ich möchte Ihnen hier einige Beispielfälle nennen, damit Sie den Ablauf, die Denkweise von Opfer und Täter und die Ausweglosigkeit mancher Situationen besser verstehen. Die Namen der Beteiligten habe ich geändert.
Lisa ist eine 35jährige Frau, die einem verantwortungsvollen Job mit einem guten Einkommen nachgeht. Sie ist dort selbstbewusst, weiß, was zu tun ist, und ist bei den Mitarbeitern, aber auch bei ihrem Chef sehr hoch angesehen. Nachdem sie einige Jahre Single war, hat sie vor fünf Jahren einen Mann, Martin, kennengelernt, der ihr auf Anhieb gut gefiel. Und sie konnte ihr Glück kaum fassen, als dieser Mann sie schon nach kurzer Zeit bat, seine Frau zu werden. Ein Traum wurde für Lisa wahr. Sicher hatte Martin einige Macken, aber die hatte ja nun jeder. Mit ihrer Familie stand sich Martin sehr gut. Was für sie eine Erleichterung war, denn so konzentrieren sich ihre Eltern nicht mehr darauf, ihr zu sagen, was sie wieder alles falsch gemacht hätte. Wenn sie sie besuchte, wurde mit Martin meistens wohlwollend über seine Erfolge im Beruf gesprochen.
Martin kam von Anfang an nicht mit Lisas Freunden klar. Sie hatte auf nette Pärchen Abende gehofft, aber nach ein paar Wochen hatte Lisa begriffen, dass sie ihre Freunde lieber alleine treffen sollte. Wenn Martin nicht schon während der Treffen mit seiner schlechten Laune dafür sorgte, dass jede Stimmung