: Dr. Michael Ahlsdorf
: Auf heißem Stuhl im Rockerkrieg Als Chefredakteur eines Rockermagazins zwischen Hells Angels und Bandidos
: Hannibal
: 9783854457114
: 1
: CHF 8.90
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: Romanhafte Biographien
: German
: 224
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Im Rockerkrieg hautnah dabei: zwischen den Fronten von Hells Angels und Bandidos Schießereien, Auftragsmorde, organisierte Kriminalität: Die Rockerszene ist auch in Deutschland aggressiver und gefährlicher geworden. Was in den Sechzigerjahren mit einzelnen Chartern der Hells Angels begann, ist längst eine eigene Welt aus rivalisierenden Gruppen, die nicht nur im Dauerkonflikt mit der Polizei und den Behörden stehen, sondern auch mit der Konkurrenz. Ende der Neunziger veränderte sich die Szene stark. Kleine Clubs wurden, nicht selten unter Androhung von Gewalt, von größeren, meist Hells Angels und Bandidos, übernommen oder zur Unterstützung verpflichtet. In diesem aufgeheizten Klima begann der junge Journalist Michael Ahlsdorf als Redakteur bei der 'Bikers News', einem Magazin für die Rockerclubs, das zwar auch über Motorräder berichtete, aber vor allem über die Geschehnisse bei den jeweiligen Gruppierungen schrieb. Für Michael Ahlsdorf wurde es zum Drahtseilakt: Gab es in einer Ausgabe einen vierseitigen Bandidos-Bericht, dann musste die nächste Titelstory über die Angels mindestens genauso lang sein. Ahlsdorf lernte alle führenden Rocker kennen, erlebte die Kriege um Macht und Einfluss hautnah mit und kam selbst oft genug in brenzlige Situationen. So sehr ihn die hierarchischen Strukturen, Egotrips und Gewaltexzesse gelegentlich auch befremdeten, blieb doch immer die Faszination für diese unangepasste Subkultur mit ihren Ritualen und eigenen Gesetzen. 'Auf heißem Stuhl' bietet einen kritischen Einblick in die Rockerwelt, der ganz anders ausfällt, als gewöhnlich in den Schlagzeilen der Medien vermittelt wird. Ein echter Insider-Bericht: schonungslos, offen und provokant!

Dr. Michael Ahlsdorf studierte Philosophie, Politologie und Theologie in Berlin. In den Neunzigerjahren begann er als Journalist zu arbeiten und übernahm später die Chefredaktion des Magazins 'Bikers News'. Er veröffentlichte mehrere Bücher zum Thema Rocker, darunter das Standardwerk Alles über Rocker. 'Die Gesetze, die Geschichte, die Maschinen'. Er lebt in der Nähe von Heidelberg.

2
Zwei erste Jahre

2.1 Hohe Ansprüche

Meine Arbeit als Redakteurbegann mit hehren Ansprüchen.Bikers Newswar das am besten verkaufte Magazin des Huber Verlags – und das aus kaum nachvollziehbaren Gründen. Die Inhalte waren, bis auf gelegentliche Ausnahmen von Doc-Baumann-Artikeln, mager. Meist handelte es sich um die Nacherzählungen des Party-Geschehens auf Rocker-Veranstaltungen. Vom Niveau her standen sie nicht über dem einer Schüler-Erzählung unter der Überschrift „Mein schönstes Erlebnis am vergangenen Wochenende“.

Auch eine stinknormale Party konnte journalistisch besser erzählt werden. Wenn aber, wie in der Saison, mehrere Dutzend dieser Geschichten in einem Heft erschienen, wurde es allmählich schwierig, sie zu unterscheiden. Einmal leistete ich mir einen Aprilscherz, formulierte einen solchen Bericht nach dem üblichen Schema und mit den üblichen Phrasen. So fing zum Beispiel fast jeder von den Reportern eingesandte Bericht mit den folgenden Worten an: „Am vergangenen Wochenende war es mal wieder so weit: Der (…) MC feierte sein Season Open.“

Entsprechend formulierte ich einen kompletten Artikel, ließ nur die Felder für Datum, Ort und Clubnamen frei und empfahl den Clubs, sich unsere Reporter zu sparen und einfach diesen Artikel ausgefüllt einzuschicken. Merkwürdigerweise sprang niemand darauf an. Rocker haben es nicht so mit Selbstironie.

Aber wie viel mehr könnte man über das Party-Geschehen hinaus erzählen? Jeder Club hatte doch eine Geschichte, die meistens unterschlagen wurde. Und überhaupt waren mir die Inhalte zu hermetisch. Ich wollte viel größere Leserkreise gewinnen, indem wir ihnen die Rockerwelt, ihre Begriffe, ihre Bräuche und ihre Gesetze erklärten.

Entsprechend versuchte ich, unsere Reporter zu briefen. Was ich gelernt hatte, könnten sie doch auch lernen, oder?! So dachte ich zumindest und beraumte mit meinen neuen Kollegen von der ZeitschriftCustombikesogar Reporter-Schulungen an. Spätestens danach hatte ich verstanden, warum ich vor allen anderen Reportern fest angestellt wurde: Ich war unter dem Dach dieses Rockermagazins tatsächlich der Einäugige unter Blinden! Die meisten anderen Reporter waren intellektuell schlichtweg nicht in der Lage, mehr abzuliefern als die Nacherzählung eines Party-Geschehens am Wochenende.

Meine Ansprüche scheiterten aber auch aus einem anderen Grund: Die Clubs selbst wünschten gar nichts anderes als eine möglichst lobende Nacherzählung ihrer Party. Sie wollten nichts von sich preisgeben, denn viele Details ihrer Geschichte wären eine Preisgabe, wenn nicht eine Bloßstellung gewesen. Gute Storys aber leben von der Schilderung des Allzu-Menschlichen, zum Beispiel von der bildhaften Schilderung eines Rockers, der vergeblich versucht, sein Motorrad anzutreten, aber allzu-menschlich wollten die Member der Clubs nicht erscheinen. Hauptsache, die kriegten über dieBikers Newsihre Hofberichterstattung.

Ein anderer Schwerpunkt der von mir geplanten Inhalte sollten Technik und Zulassungsrecht werden. Mit mehr Berichten über Motorräder hätten auch weitere Anzeigenkunden aus der Branche gewonnen werden können. Überhaupt ging es mir in derBikers Newsviel zu wenig um Motorräder.

In meiner Zeit als freier Reporter in Berlin hatte ich mir mit einer journalistisch anspruchsvollen Story über Motorräder bereits einen gewissen Ruf erworben. Damals machten sich die Rocker einen Sport daraus, moderne und standfeste Evolution-Motoren in alte Starrahmenfahrwerke aus der Nachkriegszeit von Harley-Davidson zu stecken. So ließen sich zuverlässige Chopper bauen, und das unter dem Datum einer alten Erstzulassung, weshalb sie ohne Blinker, mit kleinem Kennzeichen und überhaupt mit viel mehr Radau gefahren werden durften.

Dieser Umbau-Stil war so beliebt, dass man schließlich dazu überging, alte Rahmen nachzubauen und zu fälschen und sich so eine getürkte Erstzulassung zu erschwindeln. Das war handfeste Urkundenfälschung, und einige Rockerclubs stiegen in dieses lukrative Geschäft ein, indem sie zum Beispiel alte Rahmen aus den USA importierten, die man in Deutschland mit Teilen aus dubiosester Herkunft zu ganzen Motorrädern komplettierte.

Irgendwann kam nat