1
Mit elf habe ich meine Zukunft gesehen. Ich stand in der Nähe der Mitteltür eines Doppeldeckerbusses, als im oberen Deck eine Bombe explodierte und das Dach wegriss, als hätte ein Riese eine Dose Pfirsiche geöffnet. In einem Moment hielt ich mich noch an einer Stange fest, im nächsten flog ich durch die Luft, sah den Himmel, dann den Boden, dann wieder den Himmel. Ein Bein sauste an mir vorbei. Ein Kinderwagen. Eine Million Glasscherben, die alle die Sonne spiegelten.
Ich landete hart auf dem Bürgersteig, um mich herum fielen Trümmer und Körperteile zu Boden. Als ich durch den Staub aufblickte, fragte ich mich, was ich an Bord eines Londoner Stadtrundfahrt-Busses gemacht hatte, denn so sah er ohne Dach aus.
Menschen waren verletzt. Starben. Waren tot. Ich spuckte den körnigen Dreck zwischen meinen Zähnen aus und versuchte, mich daran zu erinnern, wer neben mir gestanden hatte. Ein tätowiertes Mädchen mit Ohrstöpseln unter schlecht geschnittenem, violettem Haar. Eine Mutter mit einem Kleinkind in einem Buggy. Auf den Sitzen an der Seite saßen zwei alte Damen, die über den Preis von Kinokarten diskutierten. Ein Typ mit Hipsterbart und Gitarrenkoffer mit Aufklebern von überall her.
Normalerweise wäre ich um 9:47 Uhr in der Schule gewesen, doch ich hatte einen Termin bei einem Hals-Nasen-Ohren-Arzt, der mir erklären sollte, warum meine Nebenhöhlen so häufig entzündet waren. Offenbar habe ich zu enge Nasengänge, was wahrscheinlich erblich ist, aber ich habe noch nicht herausbekommen, wem ich die Schuld dafür geben kann.
Als ich auf der Straße lag, tauchte über mir das Gesicht eines Mannes auf. Er redete mit mir, aber lautlos. Ich las seine Lippen.
»Blutest du?«
Ich blickte auf meine Schuluniform. Meine blau-weiß karierte Bluse war voller Blut. Ich wusste nicht, ob es meins war.
»Wie viele Finger halte ich hoch?«
»Drei.«
Er ging weg.
Die Fensterscheiben um mich herum waren zerborsten, der Bürgersteig und die Straßen waren mit Diamanten aus Glas bedeckt. In der Nähe lag eine in der Luft abgeschossene Taube, oder vielleicht war sie auch vor Schreck gestorben. Der Staub hatte sich gesetzt und alles mit einer grauen Rußschicht bedeckt. Als ich mich später im Spiegel sah, hatte ich weiße Streifen unter den Augen, die Spuren meiner Tränen.
Ich saß auf dem Rinnstein und beobachtete eine junge Polizistin, die sich zwischen den Verletzten bewegte, ihnen Mut zusprach, sie tröstete. Sie legte die Arme um ein Kind, das seine Mutter verloren hatte. Als sie mich erreichte, lächelte sie. Sie hatte ein rundes Gesicht und strahlend weiße Zähne, ihr Haar war unter ihrer Uniformmütze hochgesteckt.
Meine Ohren dröhnten nicht mehr. Worte purzelten aus ihrem Mund.
»Wie heißt du, Schätzchen?«
»Philomena.«
»Und mit Nachnamen?«
»McCarthy.«
»Bist du allein, Philomena?«
Die Polizistin g