Der Winter hatte die Stadt fest im Griff. Seit Tagen schneite es ununterbrochen. Eigentümer und Mieter, die keinen Räumdienst verpflichtet hatten, mussten alle paar Stunden die Bürgersteige vor ihren Häusern freischaufeln, weniger umweltbewusste Verwaltungen und Genossenschaften ließen zentnerweise Salz auf die Gehwege und Tiefgaragenzufahrten ihrer Objekte streuen. Auch an den Kreuzungen der kleinen Nebenstraßen in Obermenzing war die weiße Pracht von Schneepflügen zu meterhohen Bergen aufgetürmt worden. Autofahrern fehlte die freie Sicht, und für Fußgänger war der Weg zu Supermarkt, Bushaltestelle oder Kindergarten zum unberechenbaren Hindernisparcours geworden. Wer konnte, blieb zu Hause.
„Die Briefträger können einem wirklich leidtun“, dachte Robert Lärche am späten Vormittag. Er stand am Fenster und beobachtete aus der Wärme seiner Küche heraus, wie sich eine einsame Postbotin im dichten Flockenwirbel mit ihrem Fahrrad durch die Schneemassen kämpfte. Sie schien am Ende ihrer Kräfte zu sein. Kurz vor seinem Briefkasten stoppte sie, holte Schwung, stockte erneut, versuchte es noch einmal. „Merkwürdig. Ich habe doch vorhin erst g