1. Theoretische Grundlagen der tiergestützten Arbeit
Wer plant, in seiner Einrichtung Tiere in der pädagogischen Arbeit einzusetzen, wird sehr wahrscheinlich erst einmal Überzeugungsarbeit leisten müssen. Nicht nur Vorgesetzte, sondern auch Teamkolleginnen und Sorgeberechtigte müssen ihr Einverständnis geben. Hilfreich ist es also, sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse und theoretische Grundlagen beziehen und fachlich argumentieren zu können. Im Folgenden werden daher einige grundlegende Theorien zur tiergestützten Arbeit benannt.
1.1 Die Biophilie-Hypothese
Menschen und Tiere gehören seit jeher zueinander. Die Biophilie-Hypothese von Edward O. Wilson geht genau von dieser Annahme aus. Sie besagt nämlich, dass der Mensch, bedingt durch die gemeinsame Entwicklungsgeschichte, ein angeborenes Interesse an Tieren hat. Stets musste er sich mit ihnen auseinandersetzen und war auf sie angewiesen. Biophilie – aus altgriechischbios „Leben“ undphilia „Liebe“ – bedeutet laut Wilson die „vererbte emotionale Affinität des Menschen zu anderen lebenden Organismen“ (1984, in Vernooij& Schneider, 2010, S. 4). Oder, wie Olbrich und Otterstedt schreiben, „die dem Menschen inhärente Affinität zur Vielfalt von Lebewesen in ihrer Umgebung ebenso wie zu ökologischen Settings, welche die Entwicklung von Leben ermöglichen“ (2003, S. 69). Das heißt, es besteht evolutionsbedingt eine Verbindung zwischen dem Menschen und seiner Umwelt.
Die Beziehung zum Tier und zur Natur ist somit heute nicht als Luxus anzusehen, sondern bedeutet eher eine Notwendigkeit für eine persönliche, geistige und emotional gesunde Entwicklung, und zwar von Kindheit an. Durch die zunehmende Technisierung unserer Umwelt erleiden wir jedoch einen Natur- und Beziehungsverlust, da uns in der relativ gesehen kurzen Zeit der zivilisatorischen Entwicklung keine optimale Anpassung an diese neue Umwelt gelungen ist: Kinder verbringen immer mehr Zeit mit elektronischen Medien anstatt in der freien Natur und im Umgang mit Lebewesen. Diese zunehmende Entfremdung von der Natur wird auch mit dem Begriff des Natur-Defizit-Syndroms bezeichnet. Es zeigt sich eine Zunahme von psychischen und emotionalen Störungen bzw. Bindungsstörungen im Kindes- und Erwachsenenalter sowie eine erhöhte Stressbelastung (vor allem im sozialen Bereich). Da unsere Erlebens- und Verhaltensmöglichkeiten aber auf natürliche Umgebungen abgestimmt sind, benötigen wir weiterhin die Natur für gesunde soziale Beziehungen.
Die Begegnung mit Tieren bringt eine sichtbar positive und oftmals sogar heilsame Wirkung mit sich (Vernooij& Schneider, 2010). Die Tiere „vervollständigen oder ergänzen“ eine Lebenssituation und dienen als „soziale Katalysatoren, das heißt, sie erleichtern oder ermöglichen den sozialen Austausch mit Menschen und anderen Lebewesen“ (Olbrich& Otterstedt, 2003, S. 76). Immer wieder wird in vielen wissenschaftlichen Studien die positive, sogar heilende Wirkung der Mensch-Tier-Beziehung erforscht und belegt, wobei ein heilender Prozess in diesem Zusammenhang im Rahmen einer ganzheitlichen Entwicklung gemeint ist. Die durch die Begegnung mit dem Tier herbeigeführten Effekte beeinflussen unsere körperlichen, seelischen, geistigen und sozialen Kräfte. Die Begegnung mit Tieren hat eine Beziehungsqualität, welche sich auf unsere Lebensqualität auswirkt.
1.2 Das Konzept der Du-Evidenz
An diese Sichtweise schließt sich das Konzept der Du-Evidenz an: „Mit Du-Evidenz bezeichnet man die Tatsache, dass zwischen Menschen und höheren Tieren Beziehungen möglich sind, die denen entsprechen, die Menschen unter sich bzw. Tiere unter sich kennen“, so Greiffenhagen und Buck-Werner (2011, S. 22). Meistens geht diese Beziehung vom Menschen aus, aber auch umgekehrte Fälle komme