: Margit S. Schiwarth-Lochau
: Bella Isabella Im Schatten der Kindheit
: Stockwärter Verlag
: 9783966920513
: 1
: CHF 4.40
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 236
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Jeder, auch das Mädchen Isabella, ist Glied in einer Kette von Generationen, verbunden und verknüpft durch weitergegebene, oft unbewusste familienbezogene Vermächtnisse. Eine sogenannte transgenerative oder transgenerationale Weitergabe traumatischer Erfahrungen kann sich auf nachfolgende Generationen auswirken. Unfassbare Erlebnisse rufen bei den Betroffenen Sprachlosigkeit darüber hervor und können innerlich nicht verarbeitet werden. Sie bleiben für immer gegenwärtig, zeigen sich im Verhalten und werden unbewusst auf die eigenen Kinder übertragen. Emotionale Vernachlässigung, Verwahrlosung und Missbrauch im frühen Kindesalter sind Risikofaktoren für die Persönlichkeitsentwicklung sowie für spätere gesundheitliche und psychische Probleme. Die kleine Isabella erlebte in ihrer Herkunftsfamilie unfassbar Schreckliches. Im 2. Lebensjahr wurde sie das erste Mal in Obhut genommen, mit zweieinhalb Jahren kam sie in eine Pflegefamilie. Das Pflegeverhältnis scheiterte, als Isabella 14 Jahre alt war, da die zunehmenden Probleme im Sozialverhalten des Mädchens die Familie überforderte. Heute würde man Jungen und Mädchen mit gravierenden sozial-emotionalen Störungen als"Systemsprenger" bezeichnen. Wie sollte es mit Isabella nach der Herausnahme aus ihrer Pflegefamilie weitergehen? Für welche Hilfeform würde sich das Jugendamt entscheiden? Es gab zwei Möglichkeiten: Heimeinweisung oder die Betreuung in einer sozialpädagogischen Bereitschaftspflege. Familie Stein nahm Isabella auf. Die neuen Pflegeeltern waren bereit, die schwierige Aufgabe, dem traumatisierten jungen Mädchen positive Erfahrungen und Handlungsmöglichkeiten im Umgang mit anderen Menschen mit auf den Weg zu geben, anzunehmen. Würde eine Psychotherapie zur Verhaltensänderung führen? Der Roman"Bella Isabella - Umbrüche im Leben eines Pflegekindes" widmet sich einfühlsam dem Kinderschicksal und den Herausforderungen, die im Elternhaus und in der Schule zu bewältigen waren.

Margit S. Schiwarth-Lochau wurde 1953 in Halle (Saale) geboren. Sie studierte von 1971 bis 1975 an der Pädagogischen Hochschule Halle und war 41 Jahre lang im Schuldienst tätig, davon 30 Jahre als Förderschul- und Beratungslehrerin. Ab 2010 beschäftigte sie sich intensiv mit der Herausforderung Inklusion, förderte Kinder im Gemeinsamen Unterricht an einer Grundschule, schrieb Gutachten zum sonderpädagogischen Förderbedarf und veröffentlichte 2014 ihr erstes Buch (Sachbuch)"Schule ist doof - Inklusion in der Praxis". Ihre langjährigen Erfahrungen aus der Arbeit mit benachteiligten Kindern und Jugendlichen sowie das Interesse an Fachliteratur sowie Fortbildungen über psychodynamische und psychosoziale Zusammenhänge lieferten die Grundlagen für ihre weitere literarische Arbeit. In der Kinderbuchreihe"Schule ist cool" sind bereits"Toms Wandlung" (2014),"Susi Tigerherz" (2016),"Sofie die Schreckliche" (2017),"Paul der Tollpatsch" (2020),"Pierre der Quatschkopp" (2020) und"Maria die Klassenbeste" (2021) erschienen. Außerdem ist Margit S. Schiwarth-Lochau Mitautorin im Buch ihrer Schwester, Dr. med. Ingrid Ursula Stockmann,"Wenn Verwandte über das Leben und die Liebe s(p)innen" (2011) und"Das kleine Schimpfwörter-Buch für Autofahrer" (2012). Margit Schiwarth-Lochau ist Mutter von drei erwachsenen Kindern und Großmutter. Gemeinsam mit ihrem Mann nahm sie Mitte der 90er Jahre einen 13jährigen Jungen als Pflegekind in die Familie auf und begleitete ihn auf dem Weg ins Erwachsenenleben.

Agnes und Peter


Ende 1944 erreichte der 2. Weltkrieg die Ostgrenze Deutschlands. Im Januar 1945 begann die Rote Armee eine Großoffensive gegen die deutsche Wehrmacht. In nur wenigen Wochen stieß die Sowjetarmee kämpfend bis zur Oder vor, nur noch achtzig Kilometer von der Reichshauptstadt Berlin entfernt. Der Krieg war für Deutschland militärisch faktisch schon verloren. Eine Kapitulation kam für Hitler nicht in Frage. Er befahl der Wehrmachtsführung bis zum Ende zu kämpfen. Sie schickten als letztes Aufgebot Jugendliche, Alte und Invaliden in das Gefecht gegen die übermächtigen Armeen der Alliierten, was weiterhin viele sinnlose Opfer und unermessliches Leid für die Bevölkerung brachte.

„Die Russen kommen!“ Dieser Ausruf erzeugte panische Angst und Schrecken. Millionen Menschen aus den östlichen Gebieten Deutschlands, wie z. B. Oberschlesien, flüchteten aus ihrer Heimat in Richtung Westen. Davon war auch die Familie meines Vaters betroffen.

Die sechzehnjährige Agnes und ihre Mutter Olga schlossen sich, nur mit dem Nötigsten bepackt und was sie tragen konnten, einem Flüchtlingstreck an. Der Winter 1944/45 war durch extremen Frost und starke Schneefälle besonders hart. Tausende überlebten die Gewaltmärsche nicht. Agnes und Olga mussten schreckliche Dinge erleben und mit ansehen: Mütter mit ihren Säuglingen im Arm am Wegesrand, völlig erschöpft oder gar erfroren, verstümmelte Leichen, Kriegsverletzte, Vergewaltigungen von Frauen und Mädchen. Hunger und Elend begleiteten die verzweifelten Menschen auf der wochenlangen Flucht. In den Dörfern und vom Krieg gezeichneten Städten, durch die sie zogen, waren die frierenden und ausgemergelten Flüchtlinge nicht gern gesehen. Auch die ansässigen Menschen hatten nichts mehr zu verteilen und litten größte Not.

Olga und Agnes kamen kurz vor Kriegsende bei einem Großbauern, mit Namen Erdmann, als billige Arbeitskräfte unter. Sie bewohnten eine nicht beheizbare, im ehemaligen Pferdestall notdürftig hergerichtete Kammer. Beide schufteten täglich zwölf Stunden auf dem Bauernhof und bekamen als Lohn etwas Essen und Trinken sowie ein geringes Taschengeld.

Als der schreckliche Krieg endlich beendet war, bestimmte die Angst vor den Besatzern, der Kampf um Unterkunft, Lebensmittel und Bekleidung das Leben der Menschen. Zehntausende Flüchtlinge, verschleppte Zwangsarbeiter, Waisen und Witwen irrten zu Fuß durch das Land. Sie machten kurzzeitig Halt in notdürftigen Zwischenlagern unter unsäglichen hygienischen Zuständen. Läusebefall, Krätze und Infektionskrankheiten, wie Typhus und Tuberkulose, waren oft die Folgen.

In einer Scheune des Bauern hatten sich mehrere Flüchtlinge im Stroh versteckt, was Agnes und Olga nicht verborgen blieb. Sie versuchten den verzweifelten Menschen zu helfen, indem sie große Mengen Tee kochten und in Milchkannen und Eimern zur Scheune brachten. Lebensmittel standen ihnen nicht zur Verfügung. Als der grobschlächtige Bauer davon Wind bekam, wurde er sehr wütend. Erdmann kippte die Eimer um und vertrieb „das Pack“. Olga und Agnes bestrafte er mit einem Tag Essensentzug.

Immer wieder zogen Städter durch die Dörfer, in der Hoffnung, ihre letzten Habseligkeiten und Wertsachen gegen Lebensmittel eintauschen zu können. Der Schwarzhandel blühte, was Erdmann schamlos ausnutzte.

Den nächsten Winter überlebte Olga nicht, sie starb an Auszehrung (Tbc). Nun stand Agnes völlig auf sich selbst gestellt, allein da. Ihr Vater und die beiden Brüder waren in den letzten Kriegsmonaten an der Ostfront gefallen.

Der Bauer nutzte die Notlage des jungen Mädchens schamlos aus. Eines Nachts verschaffte er sich Zutritt zu ihrer Kammer und verging sich an Agnes, die sich vergeblich heftig wehrte. Voller Ekel und völlig verzweifelt schlich sich das Mädchen,