Kapitel 1
Zärtlich berührte er im Halbdunkel ihr Gesicht. Er wollte sich vergewissern, dass diese Frau, die neben ihm lag undschlief, nicht das letzte, für immer unvergesslich bleibendeBild eines soeben verblassten, wunderschönen Traumes war.Erleichtert reckte er sich und atmete tief. Er lächelte, denndamit stand für ihn fest, dass auch die letzten erlebnisreichenTage Wirklichkeit gewesen waren.
Gott sei Dank, dachte er noch. Nikita war aus Fleisch undBlut und sah überirdisch schön aus. Wie aus einer anderen Weltkommend, nicht wahr?, flüsterte es in ihm. Und dann dachte er,dass das ja auch stimmte. Er kannte durchaus intensive, sehrlebendige Träume, aus denen er manchmal schweißgebadetaufwachte und dann quälende Minuten brauchte, um herauszufinden,was von all dem zuvor Durchlebten Realität war.
HEUTE NACHT TRÄUMTE ICH, ICH SEI EINSCHMETTERLING. UND NUN WEISS ICH NICHT, BINICH EIN SCHMETTERLING, DER TRÄUMT, ER SEICHUANG TSE, ODER BIN ICH CHUANG TSE, DERTRÄUMT, ER SEI EIN SCHMETTERLING.
Dieser, in Großbuchstaben auf goldfarbenem Büttenpapiergedruckte Spruch eines chinesischen Weisen, der angeblichvor mehr als zweitausend Jahren lebte, stand noch in dunklemHolz gerahmt an einer Wand des Schlafzimmers gelehnt. Erwürde ihn, so beschloss er in diesem Moment, noch vor allenanderen Bildern, die er in seinem neuen Haus noch aufzuhängenhatte, gleich neben der Tür zum Badezimmer anbringen.Vom Fußboden neben seiner Seite des Bettes hörte er Samstiefe gleichmäßigen Atemzüge. Der große Wolfshund durfteseit der Rückkehr auch die Nacht in seiner Nähe verbringen,wie er es auf der abenteuerlichen Reise immer getan hatte.Vorher war das Schlafzimmer, genauso wie das Bad, seineTabuzone gewesen. Nun aber war der von Sendo liebevollgeflochtene Weidenschlafkorb mit dem Lammfell, der imHauseingang gleich hinter der Tür stand und ein sehr komfortablesHundebett abgab, verwaist.
Auf Effels Nachttisch lag die Alraunenwurzel, die ihmPerchafta geschenkt hatte und die ihrer Form nach beinaheetwas Menschliches hatte. Er wusste, dass diese Pflanzeäußerst selten war, und selbst wenn man sie gefunden hatte, warman ihrer noch lange nicht habhaft. Ihr wurden magische undheilende Kräfte zugesprochen und es sollten schon merkwürdigeDinge geschehen sein, wenn man bei ihrer Ernte nicht ganzbestimmte Rituale sehr genau eingehalten hatte. Doch von demKrull hatte er noch mehr erfahren: Irgendwann würde sie ihmeinmal von großem Nutzen sein. Seitdem trug er sie tagsüberimmer bei sich und auch nachts bewahrte er sie sorgsam inseiner Nähe auf.
Effel schlug die Bettdecke zurück, stand auf, trat mit dreiSchritten an das Fenster und öffnete es leise. Sam erwachte,fand alles in Ordnung, legte seinen Kopf wieder auf eineVorderpfote, tat einen zufrieden klingenden Seufzer undschlief weiter.
Die Nacht, in der es geregnet hatte, wich allmählich demTag. Am Horizont ging die Sonne auf. Ganz sanft erfüllte sieden Himmel in feurigen Tönen. Wolken ritten auf dem kühlenHerbstwind und erste Vogelstimmen waren zu hören. Der naheWald, jetzt noch in dunklem Grau, aus dem langsam weißerNebel stieg, bildete einen starken Kontrast zum Rest desHimmels. Es würde nur noch wenig Zeit verstreichen, bis er imvollen Licht der Sonne seine ganze Farbenpracht zeigen würde.
Der frühe Morgen war seine liebste Tageszeit. Er hatte essich schon vor Jahren zur Gewohnheit gemacht, noch vor demFrühstück zusammen mit Sam eine halbe Stunde oder längerdurch den Wald zu laufen. Heute tat er das nicht, denn er wolltejeden Moment mit Nikita genießen. Gerade erinnerte er sichdaran, was Perchafta während ihrer gemeinsamen Reise aneinem Abend gesagt hatte: »Wenn etwas zur Gewohnheit wird,egal was es ist, sei es noch so gesund oder meditativ, kann esschädlich sein. Unterbrich ab und zu den Rhythmus, dannbleibst du wach. Gewohnheiten verleiten zum Schlafen ... undauch von gesunden Dingen kann man abhängig werden.« Dabeihatte er wieder sein verschmitztes Schmunzeln gezeigt.
Das war nicht das einzige Mal, dass er Effel dazu gebrachthatte, eine Überzeugung in Frage zu stellen. Die Begegnungmit Perchafta gehörte, und da war er sich vollkommen sicher,zu den wichtigsten seines Lebens. Bis vor Kurzem hatte er zwarhin und wieder von der Existenz dieser seltsamen Wesengehört, aber noch nie eines von ihnen gesehen. Ihm war schnellklar gewesen, dass Perchafta damals, am ersten Tag seinerReise, von ihm erkannt werden wollte. Nachdem der weiseGnom dann sein Begleiter geworden war, hatte Effel auchandere Krulls sehen können und deren warmherzige Gastfreundschaftgenossen. Er hatte viele ihrer erstaunlichenFähi