: Peter Kleine
: Reise, reise! Ausflüge - Fahrten - Impressionen. Ausgabe 26
: Frieling-Verlag Berlin
: 9783828036208
: 1
: CHF 7.00
:
: Reiseberichte, Reiseerzählungen
: German
: 136
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Gibt es etwas Schöneres, als dem Alltag durch einen spontanen Kurz­urlaub zu entfliehen? Oder sorgfältig eine ferne Reise zu planen, um sich einen langgehegten Traum zu erfüllen? Ob türkisblaue Meere, schneebedeckte Berge, tropische Wälder oder weite Wüstenlandschaften, ob pulsierende Metropolen oder idyllische Dörfer - durch nahe oder ferne Reisen wird dem Menschen häufig erst bewusst, wie schön und facettenreich unsere Welt doch ist. Die Beiträge im vorliegenden Sammelband Reise, reise! legen Zeugnis ab von Entdeckerlust und Welt-Erfahrung; farbenfrohe Erlebnisberichte, Erzählungen oder Gedichte bieten einen facettenreichen Zugang zu Natur, Stadt und Land. Wie eine literarische Sammellinse erzählt das Buch von verborgenen Orten, prägenden Begegnungen, von Sitten und Gebräuchen der Menschen von nah und fern und dokumentiert so die Liebe der Autoren zu vielfältigen Reisezielen. Fotos erhöhen den dokumentarischen Charakter der Texte und verleihen ihnen zusätzlichen Reiz.

Christian Barsch


HEXE KRET


Zweiter Teil

51.

Lange war die Fahrt zur Stadt

fällig. Und der Hexograph

füllt noch einmal Blatt um Blatt.

Denn nach Kret hält Ausschau schon

Zauberer Simsalabim,

deren Mutter Schwestersohn.

Oft sah man recht mürrisch an,

doch zu Unrecht, meinen wir,

treu-geschwinden Skopaelan:

Trage deine Herrin stracks

in das Meer aus Schlot und Dach

noch vor Ende dieses Tags.

Leise Reiselust, schwach Neugier

mischen sich für die Steinwirrnis

mit Scheu und Abscheu.

Max und Theophil sind liebernste

Hüter dessen, was

herrinlos bleibt aus Pflichttrieb.

Über Sonnenblumenflor

skopaelant winkend die Hex

weit, weit hin, hoch, hoch empor:

Fragend, wissend lenkt verständnislos

und -voll zugleich sie mitten

in den Qualmbaum der Erkenntnis.

52.

Schienenstränge blinken; Wagenschlangen hasten,

tunnelmaulentspieen, preßvoll mit Viel-Lasten.

Jagen rumpelnd über Brücken; Räder rattern;

Dampffetzen im Eisennetzgeflecht zerflattern.

Schriftgeleucht unzählig; Lärm aus Trichtern bellt

auf die eilige, gummikau-spraynde Viel-Welt,

die so weit, so klug ist, oft mehr Fleisch als Fisch;

die töricht, voll Trug ist, Hexen-Gott-Gemisch.

Wie sie stolz sich spiegelt! Selten fühlt sie Reu;

hat sich eingeigelt in Rausch-Einerlei.

Dächerfluchten glänzen, wellenfanggespickt,

während in Dachrinnen Moos auf Schmutz vorrückt.

Straßenschnüre schneiden tief ins Steinfleisch ein,

noch bespült von fahlem Neonlampenschein;

doch gen Morgen unter Wolkenriesen droht

über Kron und Kot blendend blutiges Rot.

53.

Wie mächtig sich die Zeiten ändern,

auch Zauberer Simsalabim

wohnt schon in einer Viel-Neuwohnung.

(Wo wüßtest, Leser, du ihn denn gern?)

Zeitläufte Merkwürdiges gestalten:

Kret schwebt im Fahrstuhl hoch zu ihm.

Türschild:M. Sim, Illusionist

sie hat stets viel von ihm gehalten.

Zeitfluten spülen Fernes näher:

„Ja?“ – „Salve, Vetter Sim!“ – „Gegrüßt

sei, Base, Saga, Maga, Venefica!“ –

„Du wohnst hoch, ein Seher.“

Beruhigend steht im Zeitsturm Dauer.

„Ist dir noch wohl im finstren Wald?“ –

„Am wohlsten, wenn es stürmt und gießt.“ –

„Mich nennst du Seher – du bist Schauer!“

Ob Freude uns die Zeiten bringen?

Der Magus, spitz bemützt, sternenbestickt,

kleidet sich um und führt

die Hexe dann zu guten Dingen.

Hier hat Zeit samtumwobne Krallen:

Im ‚Argus–Restaurant‘ sitzt man.

Pfauenschwanzfederfries umläuft

die Wände fast intimer Hallen.

Zeitköchin rührt zäh-glitschige Speise –

die Hexe und der Zauberer

genießen Wiedersehen, Essen

und Trinken, Raumkunst und die Preise.

Es lauscht der Zeitspion mit Grimm.

„Gedenk der hundert Augen“, sagt

scheu Kret. „Ja, das ist schlimm!“ erwidert

umherspähend Simsalabim.

(Wie gleichfalls uns Zeitspion plagt,

die Nerven uns enorm wie nie zerrt.)

54. SCHLECHT GETRÄUMT

Müde war sie auf das Lager

billigen Hotels gesunken,

von den Eindrücken wie trunken.

Farbenlicht tönt die Gardine

stets in gleicher Reihenfolge –

Schlaf kommt.

Traum.

Auf farbiger Wolke

prunkt der Höllenprinz,Über Dächerschrägen
Haare wehn und Mantelflüchtet Muhme Schrunz,
fort im Strom des Winds –schaurig hallt Gegrunz –
Eisengräten starrenRot, dann violett
dicht aus kargem Tal:aus dem Himmel tropft es –
langen Fallens Qual –Angst! Verstört im Bett

sitzt die Hex klopfenden Herzens.

Ach, es klopft laut wie ein Hammer.

Langsam lockert sich die Klammer

grauenhafter Gaukelei –

übermüd, im Farbenschein

schläft sie endlich wieder ein.

55. DIE HEXE VON DER BLAUEN SCHALE

Kret weilt momentan zu kurzem

Informationsbesuch bei

einer wichtigen Kollegin.

Riesiger leerer Saal,

hoch und hell (vom Deckenrand

fließt gelblichweißes,

klares Licht); um blanken

Holzfußboden große

Fenster, vorhangüberdeckt.

In der Mitte mammuthaft

ein wunderbares,

Furcht weckendes Monstrum;

sichtbar Nickel, Glas,

Gummi, Skalen, Räder,

Griffe, Schläuche, Rohrgewirr.

Übermächtig krönt

eine dunkelblaue,

weitgeschwungene Schale

diese tierhafte Maschine;

drüber ahnt man

zarte Schleier weißen

Rauchs.

Diener, kaum zu zählen

(körperlos, wie gläsern

durcheinandereilend),

dienen dem Koloß stumm;

Venemedica,

mild, erdbraun gewandet,

herrscht.

Hier holt Madam Vielheit

tausendflaschenfach

sich ihr Tränklein (jedes

Etikett sagtS. Ser. Gorp. ),

hälts für Medizin,

nimmts gern; aber es scheint

Gift.

(Hexe Kret besuchte eben

informationshalber

Kollegin Venemedica.)

HEXE KRET


– Fünf vorangegangenen Stücken folgen drei weitere –

56.

Ein stiller Sommernachmittag. Vorstadt

des Fortlaufs.

Siedlungshäuschen,

puppenhafte

Blumengärtchen.

Straßen, leise

wie die Mäuschen.

Sie brausen roboterähnlich heran. Besturzhelmt

und belederjackt.

Mit Höllenlärm.

Erschrocken

drückt sich an die

Seite jeder.

„Der Jugend laß doch …“ – nein, das ist kein

Lauf mehr. Das ist

Straßenwahnsinn,

heulender, brüllender.

Ist todsüchtig

Amoklauf.

Werft Zahn hin

und Auge, arme Schusterrappenwie

Velozipedbenutzer!

„Wahren Teufeln

dien ich“, sagt das

Rad, aufgottend

grüne Stutzer.

Recht häufig war das Rad in mancher

Form auch Fluch, zum

Teil nur Segen.

Losung ist: Sich

fortbewegen,

ohne selbst sich

zu bewegen.

Ein stiller Sommernachmittag, ein

mäuschenleiser –

Nerven putschen

kann das Kradvolk.

Denn sie beben,

sehnen sich nach

Pferdekutschen.

Seht, Hexe Kret sprang auch beiseite,

steht verärgert

im Gequalme;

konstatiert: „In

grüner Weite

blau-horizontale

Palme,

Krach, Gefahr; der

Straßenfrevel

riecht zudem wie

Höllenschwefel.“

57.

Und wir gedenken eines Mannes namens

Hans Acrep, Bastler kaum modernen Rahmens.

Getreue, habt nicht Not.

Er sucht noch nicht … – er weilt

noch unter den Lebendigen.

Obwohl das Sein hart feilt,

will er es nicht beendigen.

Als einer der schwer Wendigen,

hingegen sehr Beständigen

mag er sich – muß den Trend sehn

der vielen (und man kennt den) –

doch nicht dem Nichts aushändigen.

Wohnt an der Fortlaufstadtperipherie

samt Frau und Sohn. Gewiß unendlich Müh

macht er sich, Uraltes zu renovieren

(wär besser, Neues zu initiieren),

wobei das Traditionsmeer, arg verludert,

ihn recht bedrängt. Er stopft manch Leck und rudert.

Groß-Ordnung ging ihm immer über alles.

Die Welt des Seins, des Bildes und des Schalles

versucht im kleinen er zurechtzurücken,

baut über Chaosschlünde Winzigbrücken.

Herr Acrep haßt nicht einen guten Tropfen

und liebt ein gutes Buch. Denn Malz und Hopfen

bei ihm sind nicht verloren. Für die Ohren

hat er Anachronismen sich erkoren.

Er hofft, wie mancher, etwas Glück zu kapern.

Nur mit den Nerven will es manchmal hapern:

Er braust leicht auf und ist dann schwer zu dämpfen;

meist müht er sich, auch mit sich selbst zu kämpfen.

Herr Acrep also ist ein...