Ein fataler Kuss
Ich sitze zusammen mit Felix im Hinterhof auf der niedrigen Mauer und wir unterhalten uns mit gedämpften Stimmen, weil ich nicht will, dass mein Nachbar uns entdeckt. Herr Aster hat mich schon als Kind gehasst. Wenn mein Ball zu ihm in den Garten flog, hat er ihn einfach mit seiner Harke aufgespießt. Einmal hat er mir sogar eine Ohrfeige verpasst, weil ich aus Versehen mit dem Roller seinen Rosenstock umgefahren habe. Da war ich acht Jahre alt. Ich rächte mich damals mit Nacktschnecken.
Ich erzähle Felix davon und er gluckst amüsiert.
Damals sammelte ich die Viecher überall auf und setzte sie Herrn Alster spät abends in seinen Salat. Ich brauche wohl nicht erwähnen, dass er sich danach den Kopfsalat im Supermarkt kaufen konnte.
»Der Kerl spinnt total«, murmelt Felix und wirft einen vorsichtigen Blick in den Nachbargarten. »Vorhin dachte ich ernsthaft, der wirft die Gartenschere nach uns.«
Ich zucke ergeben mit den Schultern. »Ich erwarte jedes Mal ein Messer im Rücken, wenn ich allein im Garten bin. Und bei meiner Mutter schleimt er immer rum.« Mir entschlüpft ein Seufzen. »Früher dachte ich, dass er keine Kinder mag. Aber irgendwas hat er gegen mich. Keine Ahnung.«
Wir genießen die Sonne, die trotz der beschützenden Häuserwände links und rechts zu uns durchdringt. Ich linse zu Felix. Er sieht süß aus, mit den braunen, verwuschelten Haaren und dem viel zu engen Shirt. Rasch wende ich den Blick ab, bemerke aber, dass er mich ebenso beobachtet. Mein Herz klopft viel zu schnell, als er zaghaft und wie zufällig mit der Hand näherkommt, mich kurz an der Seite meines Oberschenkels berührt.
War das ein Zeichen? Überrascht sehe ich ihn an. Er zieht seine Hand blitzschnell zurück, als bereue er diese Geste. Da ich nicht weglaufe und ihn wohl ziemlich sehnsüchtig anschaue, bleiben wir wie erstarrt auf den bröckeligen Steinen sitzen.
Ich kenne Felix von einer Party. Wir ziehen seit einigen Wochen immer mal wieder um die Häuser. Einschätzen kann ich ihn zurzeit noch nicht. Mir war nicht in den Sinn gekommen, dass er schwul sein könnte.
Nun, ich bin es auf jeden Fall, und sein Blick bewirkt, dass mir das Blut abrupt in die unteren Regionen schießt. Ob er schon mal einen Jungen geküsst hat? Ich schon. Vor einem Jahr bin ich heimlich in eine Schwulenkneipe gegangen. Allerdings wurde mir schnell klar, dass dort keiner hingeht, um sich zu unterhalten. Ich fand mich schneller in einer dunklen Ecke wieder, als ich gucken konnte, knutschte wild mit einem Fremden, und flüchtete schließlich überstürzt, als er mir die Hose aufknöpfen wollte. Meine Flucht war richtig gewesen, aber ich träume noch heute von dem Blowjob, den ich damals vielleicht bekommen hätte.
Shit, ich sollte nicht an so was denken, wenn Felix mich so ansieht. Irgendwie vergesse ich, wo wir sitzen, und beuge mich vor. Er weicht kein Stück vor mir zurück, kommt mir entgegen. Unsere Lippen berühren sich zaghaft, lösen sich wieder voneinander.
»Du bist schwul«, flüstert Felix mit einem fast entzückten Gesichtsausdruck. Er fasst mir in die Locken, zieht mich zu sich hin und ich kann nur leise aufstöhnen, als wir auf der Mauer beginnen, uns zu küssen. Ich