Wir alle sind hierher nach Il Convento1 gereist. Die meisten von euch haben diese Reise zum ersten Mal gemacht, einige zum dritten oder sogar vierten Mal. Die meisten, die diese Reise erstmals unternommen haben, hoffen während der drei Monate, die wir zusammen hier sein wollen, ordiniert2 zu werden. Meine Bemerkungen richten sich vor allem an sie, obwohl das, was ich zu sagen habe, auch für jene gilt, die nicht nach Il Convento gereist sind, um ordiniert zu werden – da sie schon ordiniert sind –, sondern um anderen zu helfen, sich auf ihre Ordination vorzubereiten.
Wenn ich mich also nun an jene unter euch wende, die in der Hoffnung, ordiniert zu werden, erstmals die Reise nach Il Convento zurückgelegt haben, frage ich mich, inwieweit euch die Bedeutung und der wahre Charakter dieser Reise für eure Ordination hier bewusst ist. Zunächst einmal: Als ihr die Einladung zu diesem Vorbereitungskurs erhalten habt, mag es euch so vorgekommen sein, als sei die Reise nach Il Convento vor allem ein Mittel zum Zweck – und der Zweck ist natürlich, hoffentlich ordiniert zu werden. Vielleicht dachtet ihr, die Anreise wäre eher bedeutungslos. Sie war vielleicht etwas, was man so schnell und so billig wie möglich hinter sich bringen muss, um mit möglichst geringem Aufwand von London, Glasgow oder sonst woher nach Il Convento zu kommen. Andererseits mochte es euch auch so vorgekommen sein, als böte die Reise nach Il Convento die Gelegenheit, etwas zu genießen, was ihr vielleicht schon lange nicht mehr genießen konntet, zumal wenn ihr in einer FWBO-Kooperative3 gearbeitet habt: Urlaub, vielleicht zusammen mit dem einen oder anderen spirituellen Freund, oder auch, weniger achtsam, in anderer Gesellschaft. Doch selbst wenn es euch nur darum ging anzureisen oder unterwegs noch einen Kurzurlaub einzulegen, wird euch früher oder später klar geworden sein, dass die Reise nach Il Convento mehr als ein bloßes Mittel zum Zweck ist, mehr als ein erfreuliches Zwischenspiel, sondern dass sie an sich bedeutsam ist, und zwar auf eine nicht leicht zu fassende Weise. In der Tat mag es einigen von euch so vorgekommen sein, dass der Ausdruck „Reise nach Il Convento“ geheimnisvolle, ja sogar archetypische Obertöne angenommen hat, je häufiger ihr die magischen WorteIl Convento, Batignano undGrosseto gehört habt und je leichter sie euch wie Mantras über die Lippe gehen.
Das ist eigentlich nicht überraschend. Bei mehr als einer Gelegenheit habe ich schon darüber gesprochen, dass wir in unserem Leben etwas ausagieren, was ich den „persönlichen Mythos“ nenne. Die verschiedenen Reisen, die wir machen, bilden oft einen wichtigen Teil dieses Mythos. Tatsächlich ist dieReise sozusagen ein eigenständiger Mythos oder genauer ein Archetyp, der in vielen Mythen und Symbolen, in vielen Sagen und Geschichten zum Ausdruck kommt, ohne von ihnen je ganz ausgeschöpft zu werden oder mit einer anderen oder gar allen identisch zu sein. Da gibt es die Argonautenfahrt des Iason mit der Suche nach dem Goldenen Vlies und die zehn Jahre dauernde Irrfahrt des Odysseus von den „widerhallenden Ebenen des windigen Troja“ zurück in seine Heimat auf dem felsigen Ithaka; wir haben den noch längeren Auszug des erwählten Volkes aus Ägypten ins Gelobte Land; die Reise des Affenkönigs nach Westen, das heißt nach Indien, von wo aus er und seine Gefährten mit denfalschen Schriften nach China zurückkehrten;4 die Nachtfahrt des Propheten Mohammed von Mekka nach Jerusalem und von Jerusalem in die Himmel; Dantes Weg durch Hölle, Fegefeuer und Paradies; die Reise von Christian aus der „Stadt der Zerstörung“ in die himmlische Stadt Jerusalem5; Bashos Reise aus dem hohen Norden6 … und viele weitere Reisen