: Sangharakshita
: Spirituelle Reisen, Bilder und Archetypen Von Reisen, Gelehrten und kreativer Kraft der Archetypen
: Books on Demand
: 9783753400938
: 1
: CHF 2.70
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: Weitere Religionen
: German
: 64
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Das Buch enthält 2 Vorträge des Autors, die er 1984 anlässlich eines 3-monatigen Ordinationsretreats vor Mitgliedern der Triratna-Gemeinschaft (damals: FWBO) zur Aufnahme in den buddhistischen Orden Triratna (damals WBO) hielt. Das Retreat fand im ehemaligen christlichen Kloster Il Convento di Santa Croce in der Toskana statt. In beiden Vorträgen verdeutlicht Sangharakshita zum einen, dass Sinnbilder und Symbole, auch persönlich erlebte, eine große Bedeutung für das spirituelle Leben haben können, weil sie etwas Archetypisches verkörpern. Er zieht dazu nicht nur buddhistische Sinnbilder heran, sondern auch christliche Darstellungen wie die des heiligen Hieronymus, die er analysiert, deutet und mit Bildern aus buddhistisch geprägten Kulturen vergleicht. Zum anderen zeigt er, dass das Vorstellungsvermögen oder die Vorstellungskraft ein wichtiges spirituelles Vermögen ist, die Fähigkeit des Einzelnen, in Bildern mehr zu sehen als das, was diese auf den ersten Blick zeigen. Die Vorträge wurden vor Personen gehalten, die sich vorgenommen hatten, den Schwerpunkt ihres Lebens künftig in die spirituelle buddhistische Gemeinschaft Triratna zu verlegen. Über diesen Hörerkreis hinaus dürften die Vorträge allerdings auch für all jene interessant sein, die die kreative Kraft von Sinnbildern entdecken möchten. Sinnbilder, Symbole und Mythen verkörpern Archetypen wie den Archetyp"Reise", den Archetyp"Alchemist" oder den"Übersetzer". Dabei können verschiedene Bilder kulturspezifische Verkörperungen ein und desselben Archetyps sein. Die Reise nach Osten ins Heilige Land des Mittelalters und die Reise nach Il Convento in moderner Zeit sind zwar unterschiedliche Sinnbilder, doch sind beides spirituelle Reisen, Pilgerfahrten. Wer zur Ordination in die Toskana fährt, verlässt potenziell die Welt sinnlichen Begehrens und wenn man die Welt der Sinnbilder durchquert hat, kann man an der Schwelle zum Transzendenten ankommen. Sangharakshita zeigt, dass die Welt des Nicht-Rationalen nicht im Gegensatz zum Rationalen stehen muss, sondern eine Welt eröffnen kann, die das menschliche Leben bereichert und einen auf dem spirituellen Weg voran bringt. Man kann sich über das Alltägliche hinaus in neue Dimensionen des Bewusstseins und letztendlich in die Realität selbst erheben.

Urgyen Sangharakshita - bürgerlich Dennis Lingwood - wurde 1925 in London geboren und verstarb 2018 in Adhistana in Herefordshire, Großbritannien (siehe www.adhistana.org). Als junger Mann lebte er in Indien, wo er über zwanzig Jahre den Buddhismus unter Lehrern verschiedener Traditionen (Theravada, Mahayana und Vajrayana) übte und studierte. 1967 kehrte er nach England zurück und gründete die Freunde des Westlichen Buddhistischen Ordens (FWBO). Inzwischen entstand daraus eine internationale Bewegung mit Zentren in der ganzen Welt. 2010 wurde die Gemeinschaft umbenannt und heißt heute Buddhistische Gemeinschaft Triratna. Heute zählt Sangharakshita zu den wichtigsten Lehrern des Buddhismus im Westen und ist als Autor zahlreicher Bücher bekannt. Er versteht sich vor allem als"Übersetzer" - zwischen Ost und West, zwischen Tradition und Moderne, zwischen Prinzipien und Methoden. Seine Bücher wurden bisher in 30 Sprachen übersetzt.

DIE REISE NACH IL CONVENTO

Wir alle sind hierher nach Il Convento1 gereist. Die meisten von euch haben diese Reise zum ersten Mal gemacht, einige zum dritten oder sogar vierten Mal. Die meisten, die diese Reise erstmals unternommen haben, hoffen während der drei Monate, die wir zusammen hier sein wollen, ordiniert2 zu werden. Meine Bemerkungen richten sich vor allem an sie, obwohl das, was ich zu sagen habe, auch für jene gilt, die nicht nach Il Convento gereist sind, um ordiniert zu werden – da sie schon ordiniert sind –, sondern um anderen zu helfen, sich auf ihre Ordination vorzubereiten.

Wenn ich mich also nun an jene unter euch wende, die in der Hoffnung, ordiniert zu werden, erstmals die Reise nach Il Convento zurückgelegt haben, frage ich mich, inwieweit euch die Bedeutung und der wahre Charakter dieser Reise für eure Ordination hier bewusst ist. Zunächst einmal: Als ihr die Einladung zu diesem Vorbereitungskurs erhalten habt, mag es euch so vorgekommen sein, als sei die Reise nach Il Convento vor allem ein Mittel zum Zweck – und der Zweck ist natürlich, hoffentlich ordiniert zu werden. Vielleicht dachtet ihr, die Anreise wäre eher bedeutungslos. Sie war vielleicht etwas, was man so schnell und so billig wie möglich hinter sich bringen muss, um mit möglichst geringem Aufwand von London, Glasgow oder sonst woher nach Il Convento zu kommen. Andererseits mochte es euch auch so vorgekommen sein, als böte die Reise nach Il Convento die Gelegenheit, etwas zu genießen, was ihr vielleicht schon lange nicht mehr genießen konntet, zumal wenn ihr in einer FWBO-Kooperative3 gearbeitet habt: Urlaub, vielleicht zusammen mit dem einen oder anderen spirituellen Freund, oder auch, weniger achtsam, in anderer Gesellschaft. Doch selbst wenn es euch nur darum ging anzureisen oder unterwegs noch einen Kurzurlaub einzulegen, wird euch früher oder später klar geworden sein, dass die Reise nach Il Convento mehr als ein bloßes Mittel zum Zweck ist, mehr als ein erfreuliches Zwischenspiel, sondern dass sie an sich bedeutsam ist, und zwar auf eine nicht leicht zu fassende Weise. In der Tat mag es einigen von euch so vorgekommen sein, dass der Ausdruck „Reise nach Il Convento“ geheimnisvolle, ja sogar archetypische Obertöne angenommen hat, je häufiger ihr die magischen WorteIl Convento, Batignano undGrosseto gehört habt und je leichter sie euch wie Mantras über die Lippe gehen.

Das ist eigentlich nicht überraschend. Bei mehr als einer Gelegenheit habe ich schon darüber gesprochen, dass wir in unserem Leben etwas ausagieren, was ich den „persönlichen Mythos“ nenne. Die verschiedenen Reisen, die wir machen, bilden oft einen wichtigen Teil dieses Mythos. Tatsächlich ist dieReise sozusagen ein eigenständiger Mythos oder genauer ein Archetyp, der in vielen Mythen und Symbolen, in vielen Sagen und Geschichten zum Ausdruck kommt, ohne von ihnen je ganz ausgeschöpft zu werden oder mit einer anderen oder gar allen identisch zu sein. Da gibt es die Argonautenfahrt des Iason mit der Suche nach dem Goldenen Vlies und die zehn Jahre dauernde Irrfahrt des Odysseus von den „widerhallenden Ebenen des windigen Troja“ zurück in seine Heimat auf dem felsigen Ithaka; wir haben den noch längeren Auszug des erwählten Volkes aus Ägypten ins Gelobte Land; die Reise des Affenkönigs nach Westen, das heißt nach Indien, von wo aus er und seine Gefährten mit denfalschen Schriften nach China zurückkehrten;4 die Nachtfahrt des Propheten Mohammed von Mekka nach Jerusalem und von Jerusalem in die Himmel; Dantes Weg durch Hölle, Fegefeuer und Paradies; die Reise von Christian aus der „Stadt der Zerstörung“ in die himmlische Stadt Jerusalem5; Bashos Reise aus dem hohen Norden6 … und viele weitere Reisen