: Sabine Bauch
: Nebelpferde
: Books on Demand
: 9783753489131
: 1
: CHF 2.60
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 162
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
&qu t;Früher, als ich ein Kind war, konnte ich den Nebel nicht leiden. Es machte mir Angst, wenn ich weder den Wald noch die Wiese vor dem Haus sehen konnte. Ich war dann überzeugt, dass sich unser Haus losgerissen hat, wie ein Boot von einem Steg und durch das Nichts treibt, ohne Aussicht, je wieder zu unserem Berg und der Wiese zurückzukommen. Als ich wieder einmal so beunruhigt aus dem Fenster sah, in der Hoffnung, viel-leicht das Ufer unserer Heimat wieder zu finden, hat sich meine Mutter neben mich gestellt und ihre Hand ganz leicht auf meinen Kopf gelegt. Sie erzählte, dass sie es jeden Herbst kaum erwarten kann, bis die Nebelpferde an unserem Hof vorbeiziehen auf ihrem Weg zu den Winterweiden. Sie fragte, ob ich sie sehen kann, die vielen weißen Pferde, groß und kräftig und die kleinen Fohlen dazwischen. Zum Ende des Winters kehren sie zurück und die Fohlen sind dann schon groß. Ich habe lange im Nebel gesucht und nichts gesehen, aber irgendwann ist es mir gelungen und von da an hatte ich niemals wieder Angst vor dem Nebel, denn ich wusste, dass ich eines Tages mit ihnen gehen werde, wenn sie es erlauben, um zu sehen, wo sie den Winter verbringen und im Frühjahr an unserem Hof vorbei auf ihre Sommerweiden."

... in Bayern geboren, als Ingenieurin hinausgezogen in die Welt, am Bodensee gestrandet, zum Schreiben angefangen.

Frau Müller verbreitet ihre Begeisterung natürlich auch im Dorf, doch dieses Mal beruhigen sich die Leute nicht mehr so leicht. Es ist nicht normal, wenn ein junges Mädchen so alleine und abseits jeglicher Zivilisation lebt. Verona wird bei ihren Besuchen im Dorf beobachtet, nicht misstrauisch, sondern besorgt. Nur spricht sie niemand direkt darauf an. Sieht Verona einmal blasser aus als sonst, werden die Müllers nach den Gründen befragt. Trägt sie einen Verband am Handgelenk, werden die Müllers befragt. Ein ganzes Dorf wäre bereit gewesen, die elterlichen Pflichten zu übernehmen, wie bei einem Kind, das man liebt, trotz oder gerade wegen seiner Absonderlichkeit. Ein Kind, das man dann von der Außenwelt abschirmen würde, abschirmen müsste, um es zu beschützen. Hätte man eine Umfrage im Dorf gestartet, hätte kaum jemand Verona für alleine überlebensfähig gehalten, obwohl sie genau dies jeden Tag aufs Neue beweist. Sie findet gerade ihren eigenen Weg und wird mit jedem Schritt selbstständiger, unabhängiger und widerstandsfähiger, als es je ein anderer in der engen, kleinen Dorfgemeinschaft werden könnte. Nichtsdestotrotz hätte nur eine kleine Andeutung von Veronas Seite genügt und man hätte sich jede erdenkliche Mühe gegeben, um das Mädchen wieder auf den gewohnten und damit richtigen Pfad zurückzuführen, zurück in ein Leben, wie es sich gehört. Aber Verona tut nichts dergleichen. Sie lebt ihr Leben so zurückgezogen, wie ihre Eltern es taten. Sie ist in