Das Tuch habe ich nach dem Krieg 1946 zum letzten Mal gesehen, wahrscheinlich wurde es dann bei einem Bauern gegen Lebensmittel eingetauscht.
Unsere, das heißt die Wohnung (Tür 29) meiner Großmutter, war im 2. Stock; erreichbar über gerade Stiegen, die Absätze dazwischen belegt mit Sollnhofer Platten. In jedem Stockwerk war eine Nische mit Heiligenfiguren, ich glaube bei uns stand eine Marienfigur.
Ganz unten „zu ebener Erd“ war ein orthodoxer jüdischer Greißler - an den Geruch der Tonne mit Salzheringen erinnere ich mich. Für den eigenen Gebrauch hielt er sich Hendln in einem Verschlag unter der Stiege - zum Schächten. Dort vorbeizugehen hat mir immer gegraust. An die Leute persönlich kann ich mich nicht mehr erinnern. Im Jahr 1938 kam ein anderer Greißler, aber die Gerüche hielten sich noch lange.
Nochmals zu unserer Wohnung: Küche, Zimmer, Kabinett. Im schmalen Kabinett schliefen meine Eltern. Das heißt, meine Mutter hatte ein richtiges Bett, Papa schlief auf einem „Inrusa“-Bett (heute sagt man Campingbett), das täglich aufgestellt wurde. Sonst war da nur ein Kasten. Mein Gitterbett wurde am Abend ins Zimmer geschoben, damit Platz für Papa war. Daher ist es verständlich, dass sich meine Eltern, als sie die Wohnung in der Liechtensteinstraße bekamen, als erstes ein Schlafzimmer kauften. Sie haben 1931 geheiratet und 1938 das erste Mal in einem Ehebett geschlafen!
Im Zimmer waren Ehebetten, hier schlief meine Großmutter - von mir zärtlich „O“ genannt - und mein geliebter Karl-Onkel, der Bruder meines Vaters.
Vor meiner Geburt stand noch ein Diwan vor den Betten. Hier schlief die Mi-Tante (die Schwägerin O's). Sie bekam erst eine Wohnung als ich zur Welt kam. (Ihre Geschichte folgt an anderer Stelle ... Anmerk. d. Verf.)
Meine Großmutter war verwitwet, den Großvater habe ich nicht gekannt, er ist schon zeitig verstorben. Er war Straßenbahnkondukteur, daher bekam meine Großmutter eine Pension. Von vielen beneidet, was sich so anhörte: „I hob ja nur a Pfründn, aber Se san jo a Pensionistin!“
Von dieser Pension und dem Gehalt von Karl-Onkel lebten wir also, denn kaum erschien ich auf dieser Welt, wurde Papa arbeitslos.
Es war die Zeit der großen Arbeitslosigkeit. Papa war sieben Jahre (1932 bis 1939) arbeitslos. Aber er hatte immer wieder Gelegenheitsarbeiten. Er war sehr geschickt, konnte vieles und machte in der Zeit Elektrotechnik-Kurse. Er baute auch unser erstes Radio. Es war so groß wie unser Ladlkastl in der Küche und von Zeit zu Zeit ging ich mit Papa in die Nordbergstraße zur Tankstelle (Prean, Prejan oder Beran?), um den Akku aufladen zu lassen. Immerhin: wir hatten schon ein Radio mit Lautsprecher!
Trotz der Umstände wie: arbeitslos und Enge des Wohnraums - habe ich eine sehr schöne und behütete Kindheit gehabt, die Ehe meiner Eltern war gut und man musste eigentlich miteinander auskommen. Sicher war es nicht immer ideal, Alt und
Mit diesem Geburts- und Taufschein fing in doppeldeutigem Sinn alles an. Das Kuriosum war, dass man zwar den Na