: Lex R. Frank
: Sinken& Fliegen Roman
: Periplaneta
: 9783959961950
: Edition Periplaneta
: 1
: CHF 8.90
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 190
: DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Kleines F. ist Wirtschaftsanwalt und hat Burnout. Oder Schlimmeres. Er funktioniert nicht mehr. Und Kleines hat irrationale Ängste. Deshalb lässt er sich freiwillig in eine psychiatrische Klinik einliefern. Doch auch die Therapien und die Medis helfen nicht. Die Liebesbeziehung, die er mit der Patientin Nathalie anfängt, macht alles nur noch komplizierter. Kleines F. beginnt nach den Gründen seines Scheiterns zu suchen: in seiner Vergangenheit, in den kriminellen Machenschaften seiner Ex-Kollegen, in seinen kaputten Beziehungen und er merkt bald, dass es den einen Grund nicht gibt und seine Ängste vielleicht gar nicht so irrational sind. Schlimmstenfalls dreht nämlich nicht er am Rad, sondern die anderen. In Sinken& Fliegen analysiert ein unaufhaltsam Fallender sich selbst, seine Mitmenschen und eine Welt, die nichts anzufangen weiß mit jenen, welche die Regeln nicht mehr einhalten können oder wollen und deren Sicherungen durchgebrannt sind.

Lex R. Frank, geboren 1970 in Schleswig-Holstein, studierte Rechtswissenschaften und arbeitete sich die klassische Karriereleiter u?ber verschiedene Rechtsabteilungsleitungen hoch, bis er feststellte, mit wie viel Abscheu er Anzu?ge trägt. Von Krawatten ganz zu schweigen. Nach dem Kulturschock eines Umzuges von Kiel nach Mu?nchen konnte er trotz eingehenden Studiums der Biergartenkultur die Frage nicht beantworten, gegen welche Flut die da unten so hohe Deiche bauen, dass ganze Alpen daraus entstehen. Auch die örtliche Mundart verstand er nicht. Verwirrt und auf der Suche nach voller Rehabilitation erfolgten weitere Umzu?ge quer durch die Republik. Heute lebt er mit seiner Familie wieder bei Hamburg und ist u?berzeugt, dass er sich das auch gleich hätte denken können, dass es dort am Meer am schönsten ist. Vom Juristendasein ist ihm die Liebe zur Sprache geblieben, weshalb er heute ausschließlich Texte verfasst, bei denen er zu wissen glaubt, wovon er redet.

Pontius


Der Mond am Morgen verblasste hinter dem, was wir für wichtiger halten. Dabei sah er so zerbrechlich aus, dass ich glaubte, er hätte unsere zärtlichsten Gefühle verdient. Vor der leuchtend dunkelblauen Folie am Himmel wirkte er stumpf und verblichen. Wenn ich den Mond trank, trat dennoch alles andere in den Hintergrund. Der Mond saugte meinen Blick auf, stellte meinen Kopf fest. Erst, wenn der Druck groß genug war, die Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu richten, eine drohende Gefahr etwa oder ein Handyklingeln, erst dann konnte ich mich von seiner Erscheinung losreißen. Wie sollte das bloß werden, falls die Erde jemals einen zweiten Mond einfinge?

Ich konzentrierte mich auf meine Füße, die zwischen dem Boden und mir keinen Raum ließen. Der Fokus nach unten gab mir Gelegenheit, das Meer zu treffen, meinen großen, schwappenden Freund mit den starken Armen, die am Ufer in das Schweigen greifen. Das Meer war mein Rückzugsort, meine Wolke, meine Dunkelkammer. Die Rettung vor zu vielen Eindrücken, die auf mein Hirn drückten. Gott und die Natur waren hier vereint, alles andere war ein Missverständnis. Die Gischt war bis zum Haus zu hören, hundert Besen in tausend Blättern.

Noch in der Morgendämmerung schlüpfte ich hinaus, die Sparlampe vor der Tür bildete einen abgeschlossenen Kegel, der einen Schatten kurz einfing. Im Licht ist das Leben schneller, im Dunkeln lässt es sich besser träumen. Ich lief den Pfad durch die Weinberge den Vulkan hinunter, durch die Schlucht, dem lauter werdenden Rauschen entgegen. Das Haus hinter mir sah aus wie eine Radierung. Erst die Dunkelheit brachte es von der Druckplatte in die Landschaft. Ein paar Ziegen waren schon wach und schauten in die gleiche Richtung. Ich war der einzige Mensch unter lauter Ziegen oder das einzige Zicklein unter all den Räubern. Das Vulkanmassiv glich der Struktur der Herzkruste, der ungefähren Landkarte in mir, ziellos, zerklüftet und doch kraftvoll. Die Bäume standen am Weg wie Wachsoldaten in der Dunkelheit.

Jede Vulkaninsel beginnt irgendwann, Sand einzusammeln, um einen Strand zu haben, an dem Ruhe einkehrt. La Palma, die schönste der Kanaren, hatte bisher nur etwas Vulkanstaub anhäufen können, der den Touristen heiße Füße verschaffte. Der Strand lag in tiefem Schwarz, obschon die Dämmerung dem pastellfarbenens Orange einen Weg bahnte. Der Horizont kämpfte um eine klare Linie.

Da lag es. Es bewegte sich wie unter einer Decke, spielte sein ewiges Spiel. Die Wellen brachen, ohne einen Hafen zu suchen. Schon nach kurzer Zeit des Zuschauens, denn das machte ich immer zu Anfang, hatte ich den Atlantik verstanden. Ich erkannte ihn, wie sich Körper bei einer Umarmung erkennen können. Wie ich Inas Körper immer erkennen würde.

Anfangs erinnerte Herr Atlantik sich an seine karibischen Wurzeln, spielte eine Weile Badewanne, gurgelte sich durch einen imaginären Abfluss, schaukelte und rauschte bräsig hin und her wie eines dicken Mannes Bauch, kratzte sich am Hinterteil. Im Schritt. Danach ordnete er sich und vollführte eine Zeitlang ordentlichen Wellengang. Wie es sein sollte und dem Lehrbuch entsprach. Das war die Phase, in der er seinen Job tat. Vermutlich wollte er seine Gäste damit ins Wasser locken, denn er sah sehr einladend und nach Urlaubspostkarte aus.La Palma by Night. Anschließend verwandelte der Herr Atlantik sich in einen aufbrausenden Zaren, der weder in Kiel noch in Moskau geboren sein konnte. (Der Kieler an sich war ein ruhiger, in sich gekehrter Typ. Selbst wenn ein sehnsuchtsvolles Herz aus Moskau in seinem Brustkorb pulsierte.) Jetzt brachte er als Überraschung oder nur zum Spaß, weil er es konnte, in schneller Folge drei, vier echte Brecher, an denen risikobereite Profisurfer ihre Freude gehabt hätten. Für Frauen und Kinder über Bord war das dann nichts mehr. Badeverbot. Rote Fahne. Wenn dieser aufflammende Zorn verraucht war, gluckste er wieder friedlich, rauschte ein wenig hin und her – und begann von Neuem.

Ich liebte die Wellen und war mir sicher, mit jeder Art von Unterströmung gut zurechtzukommen. Sind wir nicht alle dem Wasser entstiegen? Je größ