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Die Abendsonne schien durch das Fenster und zeichnete Lichtspiele auf die Möbel, als ob nichts geschehen wäre. Renate Bauer bemerkte und beachtete sie nicht. In ihrem Kopf summte und brummte es wie in einem Wespennest. Ihre Gedanken sprangen hin und her und wuselten wild durcheinander wie ein Ameisenhaufen.
Sie saß in sich gekehrt auf dem Sofa ihres Wohnzimmers und wollte noch an diesem Tag nach einer Lösung suchen, wie sie ihrem Leben eine Wende geben konnte. Dabei schwankte siezwischen Lethargie und Aufbruch, zwischen „jetzt erst recht“ und „lieber doch nicht“. Sie war hin und her gerissen zwischen dem Gefühl, stark zu sein, und der schleichenden Hingabe, die manchmal bis zum Selbstmitleid reichte. Dabei taten ihr die widerspenstigen und widersprüchlichen Gefühle körperlich schon weh.
Eigentlich entsprach es gar nicht ihrem Naturell, sich gehen zu lassen. Im Grunde war sie eher eine kämpferische Frau, dennoch ließ auch sie sich hin und wieder von solchen Gefühlen vereinnahmen.
Zu ihrer inneren Zerrissenheit kamen noch die Einschläge von außen, die sie gar nicht selbst in der Hand hatte, die sie gar nicht beeinflussen konnte.
Es waren Briefe, unheilvolle Briefe, Androhungen und Fristen. Es waren fremde Menschen, die Einlass forderten und die in ihren innersten Angelegenheiten herumschnüffelten, weil sie glaubten, dort etwas zu finden. Diese Leute drangen einfach in ihr letztes persönliches Geheimnis ein. Sie öffneten Zimmer- und Schranktüren, sie sahen ihre Wäsche im Fach liegen und sie stellten ihr unangenehme Fragen. Und sie kamen immer wieder aufs Neue, immer und immer wieder.
Nach außen aber schwieg sie. Niemand erfuhr, wie es in ihr aussah, mit keinem Menschen sprach sie über diese inneren Nöte, diese Gedanken, die ihr ihre Hilflosigkeit immer mal wieder bildlich vor Augen führten. Es war ihr zu peinlich, jemanden damit zu behelligen