Einleitung
Wir hören oft, dass die Kinder von heute stärker unter Stress stehen als jene früherer Generationen. Sie wachsen in einer Umwelt auf, in der es besorgniserregende neue Faktoren wie die Bedrohung durch den Terrorismus und den Klimawandel gibt, sie müssen in der Schule unzählige Tests und Prüfungen machen und werden in den sozialen Medien mit Mobbing konfrontiert: All das trägt zu einem höheren Maß an Angst bei. Unsere neuen Vernetzungsmöglichkeiten sind allem Anschein nach Segen und Fluch zugleich.
Selbst wenn Kinder Spaß daran haben, sich mit Computerspielen zu vergnügen, schüttet ihr Körper dabei eine Menge an Adrenalin aus, die nicht wieder völlig abgebaut wird. Das Gefühl einer ständigen Beunruhigung und einer „generalisierten Angst“, wie man in der Psychologie sagt, kann dadurch rasch in alle Bereiche des Lebens überschwappen.
In meiner Praxis in der Harley Street helfe ich Kindern schon seit über 15 Jahren, besser mit Angstgefühlen umzugehen und sie zu überwinden, daher weiß ich um die schlimmen und lang anhaltenden Folgen, die sie haben können, wenn man ihnen nicht entgegenwirkt. Angst kann das emotionale Wachstum eines Kindes verzögern und seine Leistungen in allen Bereichen des Lebens hemmen. Sie wird Ihr Kind davon abhalten, Freundschaften zu schließen, an sozialen Aktivitäten teilzunehmen, erfolgreich Prüfungen zu bestehen und sein Potenzial zu entfalten.
Ironischerweise sind Sorgen über die Ängste eines Kindes zu einer erheblichen Stressquelle für Eltern geworden. Angst verbreitet sich im Haus wie ein unsichtbares Gas – jeder kann sie spüren, aber niemand weiß so recht, was genau los ist. Wir wissen nur, dass sie ansteckend ist.
Jedes Mal, wenn ein Kind voller Angst zu mir kommt, sehe ich in ihm ein wenig mich selbst, denn ich weiß, was es heißt, ein ängstliches Kind zu sein. Ich weiß, wie es ist, wenn man sehr, sehr große Angst hat. Ich weiß, wie es ist, wenn man in den dunklen Ecken des Schlafzimmers schattenhafte Gestalten sieht und Stimmen hört, obwohl gar niemand da ist. Und wie es sich anfühlt, wenn das Herz so hämmert, dass man Angst hat, es zerspringe einem gleich in der Brust, denn ich habe den größten Teil meiner Kindheit so verbracht – in einem Zustand der Angst.
Ich wurde als Alicja Olszewska geboren – als Tochter polnischer Flüchtlinge. Mein Vater lebte während des ganzen Zweiten Weltkriegs in Warschau und musste sich als Kind jahrelang vor Nazisoldaten verstecken und ihren Kugeln ausweichen. Nach dem Ende des Krieges wurde er als 16-Jähriger zusammen mit seiner Mutter und seinem Bruder im Laderaum eines Lastwagens aus dem Land geschmuggelt. Als sie in England eintrafen, kamen sie dort wieder mit meinem Großvater zusammen, der als polnischer Offizier in der Royal Air Force war und auch für die polnische Exilregierung in London arbeitete. Daher konnte er, wie er wusste, nie mehr nach Polen zurückkehren, und die Familie konnte sich glücklich schätzen, dass sie sich in England wieder vereinen konnte.
Mein Vater hat immer gesagt, eigentlich hätte er schon viele Male zu Tode kommen müssen. Fast täglich war er in lebensgefährliche Situationen geraten, und doch war es ihm irgendwie gelungen, mit heiler Haut davonzukommen. Er fragte sich oft, wie er das fertiggebracht hatte und warum er zu den wenigen glücklichen Überlebenden zählte, und wenn ich mir das Ausmaß der Zerstörung ansehe, das der Krieg über Warschau gebracht hat, dann staune ich ebenfalls darüber. Das Haus seiner Familie steht dort noch heute, und ein Nachbarhaus weist als bleibende Kriegsnarben Einschusslöcher auf.
Im Gegensatz dazu war meine Kindheit in eine