: Karin Bomke
: Geschlossene Gesellschaft Wie Freundschaftsdienste die soziale Korruption antreiben
: Books on Demand
: 9783753451329
: 1
: CHF 8.80
:
: Gesellschaft
: German
: 422
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Dieses Buch, dem eine Doktorarbeit in den Sozialwissenschaften zugrundeliegt, behandelt die enge, persönliche Freundschaft als spezifische Tauschverbindung. Heute noch beeinflusst uns das edle Bild des Freundschaftsideals. Welche gesellschaftlichen Folgen hat es aber, wenn sich das Ideal mit den Möglichkeiten vermischt, die jemand durch seine soziale Position hat? Wenn diese mit Chancen verbunden ist - im Gegensatz zu solchen ohne Chancen. Und wie schreibt sich dieses Ungleichgewicht bei der Verteilung öffentlicher Güter in die Sozialstruktur hinein fort? Es zeigt sich, wie eng die Mechanismen guter Freundschaft und sozialer Korruption zusammenhängen. Diese Form korrupten Handelns basiert im Gegensatz zur instrumentellen Korruption - zur Bestechung - auf Merkmalen persönlicher Beziehungen. Wer besticht, ist demnach weniger privilegiert als der, welcher sich in einer guten Freundschaft ideell absichern kann. Denn dort erweist man sich einen - moralisch vermeintlich unbedenklichen - Gefallen. Es läuft auf gesellschaftliche Verteilungsfragen hinaus - und damit auf die Entzauberung von vorgeblich"edlen und guten" Sozialbeziehungen in einer angeblichen"Leistungsges llschaft". Im Vorfeld entwickelt das Buch einen kulturhistorischen Abriss dessen, was Menschen seit der Antike bis heute unter einer guten Freundschaft verstehen. Soziale Korruption ist kein Phänomen der Moderne. Doch die Moderne hat Staaten personell und materiell immer besser ausgestattet. Heute ist im Verteilungskampf um begehrte, aber im Verhältnis zur Nachfrage, knappe öffentliche Güter soziale Korruption deutlich attraktiver geworden. Wer zählt nicht gerne einen einflussreichen Menschen zu seinen guten Freunden - am besten gleich zu den Freunden der Familie? Doch dort, wo jemand aufgrund des sogenannten Vitamins"B" zu Teilhabe kommt, hat jemand anderes das Nachsehen. Einen offenen Wettbewerb um Chancen gibt es dann nicht. So vergrößern Freundschaftsdienste soziale Ungleichgewichte zu Lasten der Chanchengerechtigkeit.

Karin Bomke ist promovierte Sozial- und Bildungswissenschaftlerin, Lehrerin, freie Journalistin und Bloggerin. Sie gehört zu den Kritikern wachsender sozialer Ungleichheit und eines Leistungsbegriffs, der die Menschen nach ihrer Auffassung in die Irre führt. Deshalb gilt ihr Interesse besonders den gesellschaftlichen Mechanismen, die soziale Ungleichgewichte erschaffen und fördern. Als Lehrerin konnte sie beobachten, wie Kinder einerseits in chancenreiche, andererseits in chancenarme Strukturen hineinwachsen. Die individuelle Leistungsfähigkeit und -bereitschaft ist nach ihrer Erfahrung ein immer schlechterer Indikator dafür, wie stark ein Mensch an der Gesellschaft teilhaben wird. Obwohl große Teile von Politik, Staat und Wirtschaft immer noch das sogenannte Leistungsprinzip als einzige und verlässliche Leitlinie vermitteln.

1 Ein Mythos entsteht: Entwicklung des Freundschaftsideals

Um ein angemessenes Verständnis dafür zu bekommen, ob und in welcher Weise frühere Modelle von Freundschaft als interpersonale Nahbeziehung moderne Formen dieses Beziehungstypus beeinflusst haben, müssen wir auf Freundschaftsauffassungen in ihrem jeweiligen kulturgeschichtlichen Kontext zurückgreifen. Sie geben uns einen guten Überblick über die Entwicklung, über das kulturelle Freundschaftsgedächtnis sozusagen.

1.1 Die antike griechisch-römische Freundschaftsordnung

Will man sich aus der Sicht der Antike dem Begriff „Freundschaft“ nähern, sind die Werke von Aristoteles und Cicero herausragende Quellen. Insbesondere Aristoteles stiftete mit seinen Überlegungen in derNikomachischen Ethik eine erste grundlegende Theorie zum Freundschaftsphänomen. Wir werden sehen, wie stark der Einfluss dieses Theoriegebäudes auf die nachfolgenden Epochen werden sollte.

1.1.1 Aristoteles Freundschaftstheorie

Jacques Derrida (2000) weist in seinerPolitik der Freundschaft darauf hin, dass Aristoteles der Erste war, der sich sowohl unter theoretischen und ontologischen, als auch unter phänomenologischen Gesichtspunkten mit dem Begriff Freundschaft systematisch, umfassend und analytisch auseinandersetzte. Allerdings ist zu betonen, dass es im Folgenden um Werke geht, die Aristoteles zugeschrieben werden, hingegen bislang der Nachweis über dessen tatsächliche Urheberschaft fehlt.

So sei Aristoteles der Auffassung, der Mensch strebe von Natur aus nach Freundschaft, so wie er auch sein Glück stets im Auge habe (vgl. NE 1155a). Denn was sei schon ein Leben ohne Freund? Es bedürfe guter Dinge, also Güter, um ein glückliches Leben zu vollziehen, und ein besonders wertvolles Gut sei in diesem Sinne die gute Freundschaft. Anders ausgedrückt: Am Anfang eines jeden Freundschaftshandelns – so Aristoteles (EE 1244b) – stehe die menschliche Natur, einen Freund zu brauchen und zu suchen. Damit ist das Bedürfnis, einen Freund bzw. Freunde sein Eigen zu nennen, ehrlicher Ausdruck eines natürlichen Verlangens nach Wohlbefinden. Das Interesse am Wohl der eigenen Person steht im Mittelpunkt menschlichen Strebens, was jedoch nichts mit isolierter Eigenbezogenheit zu tun hat. Vielmehr sei es angemessener Selbstliebe geschuldet, „das Schönste und Beste“ für sich selbst zu wollen (NE 1168b). Dies gehöre mit zu den sittlichen Zielen, die sich aus der Vernunft des Menschen als Kern seines Wesens zwangsläufig ergeben (NE 1169a). Von der richtigen Selbstliebe unterscheidet Aristoteles die falsche Selbstliebe, die sich lediglich darauf beziehe, „schlimmen Leidenschaften“ zu folgen (ebd.). Hingegen gehöre alles zur richtigen Selbstliebe, was auch dem Wohl der Gemeinschaft diene (vgl. Ansari 2009: 389). Freundschaftsbeziehungen gehören ohne Zweifel in diesen gemeinschaftlichen Bereich (vgl.2.3.5.4). Allerdings sei es auch ein Gebot der Vernunft, bei seinem Einsatz für die Freundschaft nur so weit zu gehen, wie es die eigenen Möglichkeiten zulassen, ohne über seine Grenzen hinauszugehen (vgl. NE 1168b; NE 1169a). Eng verknüpft mit dem Begriff der Freundschaft ist bei Aristoteles die Tugend. Es sei dasselbe, tugendhaft und Freund zu sein (NE 1155a). So sei Freundschaft „eine Tugend oder doch mit der Tugend verbunden“ (ebd.). Aristoteles erhebt damit sie zu einem moralisch-ethischen Ideal. Allerdings werden wir sehen, dass er die praktische Umsetzbarkeit des Ideals durchaus kritisch sieht.

1.1.1.1 Grundgedanke wechselseitigen Wohlwollens

Grundsätzliches Element in Aristoteles Analysen zu Freundschaft ist das gegenseitige Wohlwoll