1 Ein Mythos entsteht: Entwicklung des Freundschaftsideals
Um ein angemessenes Verständnis dafür zu bekommen, ob und in welcher Weise frühere Modelle von Freundschaft als interpersonale Nahbeziehung moderne Formen dieses Beziehungstypus beeinflusst haben, müssen wir auf Freundschaftsauffassungen in ihrem jeweiligen kulturgeschichtlichen Kontext zurückgreifen. Sie geben uns einen guten Überblick über die Entwicklung, über das kulturelle Freundschaftsgedächtnis sozusagen.
1.1 Die antike griechisch-römische Freundschaftsordnung
Will man sich aus der Sicht der Antike dem Begriff „Freundschaft“ nähern, sind die Werke von Aristoteles und Cicero herausragende Quellen. Insbesondere Aristoteles stiftete mit seinen Überlegungen in derNikomachischen Ethik eine erste grundlegende Theorie zum Freundschaftsphänomen. Wir werden sehen, wie stark der Einfluss dieses Theoriegebäudes auf die nachfolgenden Epochen werden sollte.
1.1.1 Aristoteles Freundschaftstheorie
Jacques Derrida (2000) weist in seinerPolitik der Freundschaft darauf hin, dass Aristoteles der Erste war, der sich sowohl unter theoretischen und ontologischen, als auch unter phänomenologischen Gesichtspunkten mit dem Begriff Freundschaft systematisch, umfassend und analytisch auseinandersetzte. Allerdings ist zu betonen, dass es im Folgenden um Werke geht, die Aristoteles zugeschrieben werden, hingegen bislang der Nachweis über dessen tatsächliche Urheberschaft fehlt.
So sei Aristoteles der Auffassung, der Mensch strebe von Natur aus nach Freundschaft, so wie er auch sein Glück stets im Auge habe (vgl. NE 1155a). Denn was sei schon ein Leben ohne Freund? Es bedürfe guter Dinge, also Güter, um ein glückliches Leben zu vollziehen, und ein besonders wertvolles Gut sei in diesem Sinne die gute Freundschaft. Anders ausgedrückt: Am Anfang eines jeden Freundschaftshandelns – so Aristoteles (EE 1244b) – stehe die menschliche Natur, einen Freund zu brauchen und zu suchen. Damit ist das Bedürfnis, einen Freund bzw. Freunde sein Eigen zu nennen, ehrlicher Ausdruck eines natürlichen Verlangens nach Wohlbefinden. Das Interesse am Wohl der eigenen Person steht im Mittelpunkt menschlichen Strebens, was jedoch nichts mit isolierter Eigenbezogenheit zu tun hat. Vielmehr sei es angemessener Selbstliebe geschuldet, „das Schönste und Beste“ für sich selbst zu wollen (NE 1168b). Dies gehöre mit zu den sittlichen Zielen, die sich aus der Vernunft des Menschen als Kern seines Wesens zwangsläufig ergeben (NE 1169a). Von der richtigen Selbstliebe unterscheidet Aristoteles die falsche Selbstliebe, die sich lediglich darauf beziehe, „schlimmen Leidenschaften“ zu folgen (ebd.). Hingegen gehöre alles zur richtigen Selbstliebe, was auch dem Wohl der Gemeinschaft diene (vgl. Ansari 2009: 389). Freundschaftsbeziehungen gehören ohne Zweifel in diesen gemeinschaftlichen Bereich (vgl.2.3.5.4). Allerdings sei es auch ein Gebot der Vernunft, bei seinem Einsatz für die Freundschaft nur so weit zu gehen, wie es die eigenen Möglichkeiten zulassen, ohne über seine Grenzen hinauszugehen (vgl. NE 1168b; NE 1169a). Eng verknüpft mit dem Begriff der Freundschaft ist bei Aristoteles die Tugend. Es sei dasselbe, tugendhaft und Freund zu sein (NE 1155a). So sei Freundschaft „eine Tugend oder doch mit der Tugend verbunden“ (ebd.). Aristoteles erhebt damit sie zu einem moralisch-ethischen Ideal. Allerdings werden wir sehen, dass er die praktische Umsetzbarkeit des Ideals durchaus kritisch sieht.
1.1.1.1 Grundgedanke wechselseitigen Wohlwollens
Grundsätzliches Element in Aristoteles Analysen zu Freundschaft ist das gegenseitige Wohlwoll