Die Kutsche polterte über die unebenen Straßen und Mattie wartete nur darauf, dass ein Rad brechen würde, weil der Kutscher die Pferde trotz der vom Regen der letzten Tage aufgeweichten Erde antrieb, als ginge es darum, ein Wettrennen zu gewinnen.
Eine kleine Hand schob sich unter ihre, auf ihrem Rock ruhende, behandschuhte Hand und verschränkte die Finger mit ihren.
Mattie löste ihren Blick von der mit grauen Wolken verhangenen Landschaft, die an ihnen vorbeiflog, und zwang sich ein flüchtiges Lächeln auf die Lippen, als sie sich an ihre kleine Schwester wandte. Violet sah blass aus, blasser als sonst. Ihre helle Haut ein starker Kontrast zu ihren roten Haaren und den Sommersprossen auf ihrer Nase. Nur ihre Wangen waren gerötet und ihre Augen glänzten fiebrig. Sie war tapfer gewesen, den ganzen Tag über, und hatte sich bemüht, nicht zu weinen, während sie in der Kutsche saßen.
»Wird sie uns wohl mögen? Was meinst du, Mattie?«
Sie.
Lady Eliza Sudgrove.
Ihre Tante mütterlicherseits. Mattie wusste keine Antwort auf die Frage ihrer Schwester. Lady Sudgrove hatte die beiden Mädchen das letzte Mal gesehen, als Violet gerade geboren worden war. Das war nun zehn Jahre her. Mattie selbst war erst sechs gewesen und konnte sich kaum an die Tante erinnern. Streng war sie gewesen und ganz in Schwarz gekleidet, obwohl es keinen Trauerfall gegeben hatte, daran erinnerte sie sich noch.
»Natürlich wird sie euch mögen. Ihr seid die Töchter ihrer jüngeren Schwester, wie könnte sie euch nicht mögen?« Mrs Hanson, ihre Nachbarin aus London, die sich bereiterklärt hatte, die Mädchen nach Dartmoor zu ihrer Tante zu begleiten, um sicherzugehen, dass den beiden jungen Damen unterwegs nichts geschah, tätschelte aufmunternd Violets Knie und lächelte beiden Schwestern zu. Mattie erwiderte das Lächeln der alten Frau dankbar. Natürlich erhielt sie eine Entschädigung dafür, dass sie diese Reise auf sich nahm, doch Mrs Hanson war eine gute Frau und ihrer Mutter stets eine treue Freundin gewesen. Mattie würde sie vermissen, wenn sie in Fynan Hall, dem Familiensitz ihrer Mutter, angekommen waren.
Fynan Hall.
Sie kannte das Anwesen nur aus den wenigen Erzählungen ihrer Mutter. Der verstorbene Lord Sudgrove, Matties Großvater, war mit der Wahl eines Ehemannes seiner jüngsten Tochter nicht einverstanden gewesen und hatte daraus nie einen Hehl gemacht. Sophie Cadderly, geborene Sudgrove, Gattin von Ernest Cadderly, war vom Tag ihrer Eheschließung an auf Fynan Hall nicht länger willkommen. Genauso wenig, wie der Rest ihrer Familie. So hatte es ihr Vater bestimmt und so führte seine älteste Tochter, als seine Erbin, es fort.
Erst jetzt, nach dem Tod ihrer geliebten Eltern, sollten Mattie und Violet in das Haus ihrer Ahnen kommen, um bei ihrer Tante zu leben.
Mattie wusste, dass es falsch war, im Angesicht des Verlusts, den sie vor zwei Monaten erlitten hatten, irgendetwas anderes als Dankbarkeit für ihre Tante zu empfinden, die sie bei sich aufnahm und sie nicht trennte, indem sie Violet in ein Waisenhaus und Mattie zum Arbe