: Mike Chick
: Der Käfig: Entkommen ist tödlich Psychothriller
: Piper Verlag
: 9783492988391
: 1
: CHF 5.40
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 350
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Er wacht auf. Er weiß nicht, was passiert ist. Er weiß nicht, wo er ist. Er weiß nur, dass er diesem Käfig entkommen muss. Sofort. Denn bald schon kommt er wieder - der Mann mit den drei Gesichtern. »Da war Dunkelheit. Und da war Schmerz. Brennender, pochender Schmerz. Nicht lokalisierbar und doch mitten in ihm. Mehr wusste er nicht.« Marcus Nolte glaubt einen Schutzengel vor sich zu haben, als er Eddie Gal begegnet. Der alte Mann lässt ihn in sein Haus. Er bietet ihm Schutz vor dem Schneesturm, eine warme Mahlzeit - und setzt ihn unter Drogen. Als Marcus zu sich kommt, ist seine Welt ein Alptraum. Eingesperrt in einen Käfig, gibt es kein Entrinnen. Und er ist nicht allein. Eddie Gal beherbergt viele, Frauen wie Männer. Sogar ein junges Mädchen. Und das Schlimmste: Er hat etwas mit ihnen vor. Kann Marcus dem Grauen entkommen? »Die Geschichte finde ich hammermässig. So etwas habe ich noch nie gelesen.« ((Leserstimme auf Netgalley)) »Brutal, spannend, nichts für schwache Nerven!!! Für alle Chris Carter Fans zu empfehlen! Gerne mehr davon!« ((Leserstimme auf Netgalley)) 

Mike Chick, 1989 unter seinem bürgerlichen Namen Antonio Robinia in Mosbach geboren, studierte Malerei an der Karlsruher Kunstakademie, als er das Schreiben von Romanen für sich entdeckte. Schon im Alter von sechzehn Jahren schrieb der heutige Kunstlehrer Kurzgeschichten, vorwiegend im Horror-Genre. Düsteren Welten und Geschehnissen bleibt Chick bis heute treu. Daran faszinieren ihn vor allem die dunklen Ecken in der menschlichen Psyche, wo Geheimnisse ebenso lauern wie mörderische Fantasien. Der Autor lebt und arbeitet auf der Schwäbischen Alb.

Kapitel II


Empathielos

1


Im Mai, rund einundfünfzig Jahre bevor Marcus Nolte an der Tür eines Bauernhofs irgendwo südlich von Karlsruhe klingelte und dreizehn Jahre vor seiner Geburt, befand sich besagter Bauernhof gerade im Aufbau. Die Dielen waren noch frisch getrocknet und geschliffen. Die Ziegel, die mit Schnüren zu mehreren Bünden zusammengezurrt auf dem Grundstück lagen, waren rot wie Blut und den Hühnerstall, etwa dreißig Meter vom Haus entfernt, konnte man allenfalls als wackliges Gerüst aus Latten und Brettern bezeichnen. Die Hühner, die später darin Eier legen und sich fett fressen sollten, sprangen noch in einem Maschendrahtgehege hinter der künftigen Scheune umher. Sie gackerten und pickten Körner vom Boden einer etwa hundert Quadratmeter großen Wiesenfläche mit saftig grünem Gras, das in der warmen Mittagssonne glänzte. Manche guckten dämlich in der Gegend herum – wie Hühner das nun einmal taten – und fragten sich vielleicht, was die Männer, die da werkelten, so sehr zum Lachen brachte.

Bei den Männern handelte es sich um Otto Gal und seinen Cousin Horst Richards. Otto stand gebückt auf dem Dach und empfing die Ziegel, die Horst ihm von der Leiter her zuwarf. Auch auf sie schien die Sonne, was die beiden gehörig ins Schwitzen brachte. Otto Gal trug nur ein weißes, mit Holzspänen und Flecken übersätes Unterhemd und eine Hose mit Hosenträgern, die sich straff über seine Schultern spannten. Seine Arme waren von der Arbeit auf dem Feld und am Haus sehnig und braun gebrannt. Sein Cousin gehörte schon seit Kindheitstagen zur fülligeren Fraktion. Sein Bauch hing über den Gürtel seiner Hose und sein schwarzes, kurzes Haar tropfte vom Schweiß seiner Anstrengung. Sie rissen Scherze über den einen oder anderen Landwirt, die Politik, diese Subkultur von arbeitsfaulem Gesindel, die sich an Lagerfeuern gegenseitig Lieder über den Frieden vorsangen – etwas, wovon Leute, die den Krieg nicht miterlebt hatten, so oder so zu wenig Ahnung hatten, um mitsprechen zu können, wie Otto fand –, und über sich selbst. Sie lachten, tranken eisgekühlte Limonade und deckten das Dach des Hauses, in dem alles im Aufbau und alles gut war. Das ganze Leben war zu diesem Zeitpunkt geradezu perfekt, und Otto Gal hätte es um nichts in der Welt eintauschen wollen.

Jedenfalls bis seine Frau zu schreien begann und das Unglück seinen Lauf nahm.

2


Wilma Gal saß in einem Sessel, lauschte, wie Heintje im Radio seine Mama darum bat, nicht um ihren Jungen zu weinen, und dem Getrampel ihres Mannes auf dem Dach. Sie strickte Socken. Winzig kleine. Dabei dachte sie an das Baby in ihrem Bauch, und ob das Mädchen (sie war sich sicher, es würde ein Mädchen werden, obwohl Doktor Gross das Gegenteil behauptete) wohl ihre Haarfarbe bekommen würde – das sonnige irische Rot ihrer Vorfahren. Es wäre ein so schönes Geschenk, ein wundervolles, ein perfektes. Es gab nichts, was sie sich sehnlicher wünschte, als ihrem eigenen Baby dabei zuzusehen, wie es von der QuelleMama trank und mehr und mehr zu einer kleinen Wilma Junior heranwuchs, der sie zeigen konnte, wie man Puppen kleidete und wie man ein Teekränzchen abhielt. Und in ein paar Jahren würde sie ihrem Mädchen all die wichtigen Dinge im Leben, wie Kochen, Backen, den Herd schrubben und die Hühner füttern, beibringen. Ja, das alles würde sie, eine großartige Mama, mit ihrem Mädchen – und noch viel wichtigerfür ihr Mädchen – tun. Alle Zeit der Welt und alle Zeit, die Wilma Gal bis zu ihrem Tod zur Verfügung stand, sollten ihr gehören, ihrer kleinen Dorothea.

Das sollte ihr Name sein. Dorothea. Das Geschenk Gottes.

Wilma glaubte nicht, dass Otto etwas gegen diesen Namen einzuwenden hatte; und selbst wenn, würde ihre Kleine diesen Namen bekommen, denn es war das Recht einer jeden Mutter, den Namen für die Frucht ihres Leibes, für die sie Stunde um Stunde Schmerzen erleiden würde, auszuwählen. Das konnte ihr niemand absprechen. Niemand.

Putz rieselte von der Decke, als einer der Ziegel auf das Dach krachte. Es machte Wilma nichts aus. Sie strickte w