2.1 Forschungsansatz
Die Unterteilung der Adelsgruppen in Grandseignieurs und Kleinadel, wie sie von Malinowski vorgenommen wurde, sind für Untersuchungen über den Adel im Nachkriegsdeutschland ebenso wenig sinnvoll, wie die von Conze gewählten Kriterien, wie Landbesitz und/oder Beamten- resp. Militärkarrieren, weil sie für den ostelbischen Adel nach 1945 entfielen.
Das gilt auch für die von Malinowski beschriebene Bildungsferne eines Großteils des preußischen Landadels, der Bildung Ende des 19., Anfang des20 Jahrhunderts vor allem als Ideale des von ihm „verachteten“ Bürgertums ansah.35 Nach 1945 veränderte sich diese Sichtweise. Eine möglichst qualifizierte Ausbildung ist heute wesentlicher Bestandteil adeliger Erziehung.
Im Unterschied zu den Historikern, die sich mit dem Adel im 20.Jahrhundert beschäftigt haben, beruht diese Arbeit nicht in erster Linie auf schriftlichen, sondern mündliche Quellen. Sie werden nur insofern durch Bismarkgemachten Aussagen ergeben oder ob sie diese verifizieren.
Befragt wurden Adelige aus fast allen Bundesländern. Die Samplebildung erfolgte nicht über die bestimmte Kategorien wieKonfession, Region, „Stand innerhalb des Adels“ oder Familie, sondern erfolgte„willkürlich“, das heißt „ungefiltert“, durch alle Adelsschichten. Dabei kommen nicht nur herausragendeVertreter des Adels „zu Wort“, sondern vor allem die sonst eher „unsichtbaren Adeligen“, das heißt die Angehörigen des sogenannten niederen Adels. Im Unterschied zu den bereits vorliegenden Untersuchungen liegt der Schwerpunkt dieser Arbeit auf der Zeit nach 1945. Wenn es um die Sichtweise und Bewertung bestimmter politischer Gegebenheiten geht wurde die Zeit vor 1945 mitberücksichtigt, denn Verhaltensweisen, Interpretationen von Ereignissen, Erfahrungsberichte und Sichtweisen sind ohne diesen partiellen Rückblick kaum oder deutlich schwerer nachvollziehbar.
Ziel der Befragung und Auswertung weiterer adeliger Quellen war auch herauszufinden, in welchem Umfang sich das Selbstbild des Adels in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg von dem der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus unterscheidet und wie der Adel seine eigene Vergangenheit bewertet.Alle „Aussagen“ wurden durch allgemeinere Informationen über den Adel vervollständigt und, soweit sinnvoll, mit den Forschungsergebnissen anderer Historiker, vor allem Conze und Malinowski, verglichen, um herauszufinden, wo es Übereinstimmungen gibt, in welchen Punkten sie sichunterscheiden und ob es „Interpretationen“ gibt, die heute nicht mehr haltbar sind.
Durch die Auswertung der Interviews und schriftlichen Quellen sollte eine