: Ernst-Ludwig Winnacker
: Mein Leben mit Viren Eine Forschergeschichte über die faszinierende Welt der Krankheitserreger
: S.Hirzel Verlag
: 9783777630632
: 1
: CHF 20.40
:
: Naturwissenschaft
: German
: 100
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
In Zeiten der Coronapandemie haben gewiss viele sie verflucht, doch Professor Ernst-Ludwig Winnacker, zeit seines Forscherlebens mit ihnen beschäftigt, ist fasziniert von Viren - auch wenn er ihre mitunter fatalen Auswirkungen aus nächster Nähe kennt. Anlässlich seines 80. Geburtstags erzählt der Biochemiker von der Koevolution und Koexistenz, aber auch dem ewigen »Kampf« zwischen Mensch und Virus. Winnacker bricht eine Lanze für diese »biologischen Elemente zwischen belebter und unbelebter Natur«, weil sie für Grundlagenforschung und Gentechnik eine wichtige Rolle spielen und weil ohne sie der Mensch nicht wäre, was er ist.

Ernst-Ludwig Winnacker, Jahrgang 1941, ist Professor für Biochemie und hat als Leiter des Gen-Zentrums der Universität München an vielen grundlegenden Erkenntnissen der genetischen Forschung mitgewirkt. Winnacker ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher Veröffentlichungen und Lehrbücher, darunter 'Viren, die heimlichen Herrscher' (1999).

Vom Marburgvirus und anderen Erregern


Im August 1967 war ich bei meinen Eltern in Königstein im Taunus, um an meiner Doktorarbeit zu schreiben, die ich an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich in der Abteilung für Chemie angefertigt hatte – zur Synthese von Vitamin B12. Eines Abends kam mein Vater, damals noch Geschäftsführender Direktor der Farbwerke Hoechst, zu denen auch die Behringwerke gehörten, nach Hause und berichtete von einem rätselhaften Krankheitsausbruch in den Behringwerken. Diese produzierten Impfstoffe gegen Masern und Kinderlähmung, und diese Impfstoffe wurden auf den Zellen der Nieren von Affen gezüchtet. Zu den Behringwerken gehörte deshalb auch ein Affengehege. Nun waren in den Werken innerhalb kurzer Zeit bereits vier Personen an inneren Blutungen verstorben. Ich hatte meinen Vater noch nie so beunruhigt gesehen.

In dem sonst so beschaulichen Marburg verbreiteten sich Angst und Schrecken. Man sprach von der »Affenseuche«, die Sommerferien der Kinder wurden in den September hinein verlängert. Friederike Moos, eine damals 19-jährige Berufseinsteigerin bei den Behringwerken, schilderte 2015 in ihrem BuchIn und um uns auf eindrückliche Weise, wie vor allem die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter diese kritischen Tage erlebten, wie verzweifelt auch die behandelten Ärzte dieser rätselhaften unbekannten Krankheit gegenüberstanden. Für alle irgendwie Beteiligten muss es ein Albtraum gewesen sein.

Der erste Tierpfleger bei den Behringwerken erkrankte am 8. August 1967 und starb 14 Tage später. Die Symptome waren hohes Fieber, rasende Kopfschmerzen, Haarausfall, schwere innere Blutungen, Blutungen aus der Hautoberfläche und aus allen denkbaren Körperöffnungen. Von 23 in Marburg erkrankten Personen starben insgesamt fünf, also etwa jeder Fünfte. Ursache für die inneren Blutungen ist die Infektion der sogenannten Makrophagen, einer Sorte weißer Blutkörperchen. Ihr Tod führt dazu, dass bestimmte Wachstumsfaktoren freigesetzt werden, sogenannten Zytokine, darunter gamma-Interferon und der Tumornekrosefaktor. Die Zytokine wiederum bewirken, dass die Architektur der inneren Zellwand der Blutgefäße zerstört wird; auf diese Weise werden sie durchlässig, was die schweren Blutungen erklärt.

Als Auslöser für dieses zunächst rätselhafte Geschehen hat man schon sehr bald die Affen vermutet, deren Nieren man für die Gewebekulturen brauchte, um die Polioviren zu züchten. Bei den Tieren handelte sich um Grüne Meerkatzen, die in Uganda gefangen und dann über Entebbe und Frankfurt nach Marburg gebracht worden waren. Wegen des Sechs-Tage-Krieges musste der Transport über London umgeleitet werden. Dort waren sie ein paar Tage in einem Tierheim untergebracht. Vermutlich waren sie dort in Kontakt mit anderen Tieren, darunter Lemuren aus Sri Lanka, die offensichtlich nicht gesund waren. Die hygienischen Verhältnisse in dieser Londoner Unterbringung waren zudem äußerst mangelhaft, sodass die These von einer Infektion der für Marburg bestimmten Affen nicht abwegig war und ist. Dennoch wirkten die Tiere nach ihrer Ankunft zunächst unauffällig und zeigten keine besonderen Symptome. Eine Quarantäne war zudem nicht für alle Tiere vorgesehen, sondern nur für die, deren Nieren gebraucht wurden, um die damals übliche Sabin’sche Schluckimpfung, einen abgeschwächten Lebendimpfstoff, herzustellen. Allerdings galt die Regel merkwürdigerweise nicht für die Affen, mithilfe deren Nieren ein inaktivierter (Tot-)Impfstoff produzierte